Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 08/2008

Albumcover

Baby Dee
Save Inside The Day

Cleveland, Ohio, Mitte der 50er Jahre. Die Stadt im Nordosten der USA, direkt am Eriesee gelegen, besitzt zwar einen ureigenen Hafen, die Zeiten von Handel und Austausch aber sind passé. Stattdessen wirkt das Leben in diesem Ort wie eine Karikatur auf die vorherrschende Schwerindustrie: behäbig, mitunter starr, oder einfach: grau. Und bringt der Stadt ein äußerst zweifelhaftes Pseudonym ein: „Cleveland – The mistake at the lake“.

In diesen Alltag wächst Baby Dee auf; dumm nur, dass sie lange Zeit in dem Glauben aufwächst, der Fehler läge bei ihr. Von den Eltern unverstanden und gelangweilt von einer sozial und kulturell verkümmerten Großstadt, zieht es sie, die wir an dieser Stelle eigentlich noch als ´ihn´ bezeichnen müssten, in die ewig anbetungswürdige und große Schwester New York. Und es beginnt ein Leben, das in seinem Pluralismus locker eine Handvoll anderer Identitäten in die Tasche steckt: Da ist zunächst ihr Job als Chorleiterin, den sie zehn Jahre in einer katholischen Gemeinde ausführt. Oder der Job bei der Holzfällerfirma, der sie tagtäglich in Schwindel erregende Höhen klettern lässt. Oder der Job als musizierender Dreiradfahrer, der radelnd den Besuchern des Centralparks ein Ständchen bringt… oder, oder, oder. Immer im Bewusstsein, für immer als Frau im Körper eines Mannes gefangen zu sein.

Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Musik durch Dees Leben, scheint die einzige und immer wiederkehrende Konstante zu sein. Sie hilft dabei, „die Gefühle einzurichten“, das innere Chaos zu ordnen. Und ist in gewisser Weise die Manifestation ihres abwechslungsreichen Lebens: „Meine musikalische Sozialisation ist eine Geschichte verschiedener Obsessionen“ sagt sie selber dazu. Von der Großmutter zum klassischen Klavierspiel animiert (die war damals Pianistin in einem Stummfilmkino), entdeckt Dee nach einiger Zeit die Harfe für sich, Akkordeon und Orgel klingen da wie obligatorisches Beiwerk, sollten aber auch Erwähnung finden. Parallel dazu wird so ziemlich alles an nicht unbedingt alltäglicher Musik konsumiert, was aufzugreifen ist: klassische Barockstücke, Theatermusik, Jazz, und, nicht zu vergessen: Kirchenlieder.

Jahrzehnte später, back in Cleveland: Baby Dee, mittlerweile Tourmitglied bei Antony and The Johnsons und Current 93, hat es zurück in die Provinz verschlagen. Mit ihren Eltern hat sie sich versöhnt, und nach deren Tod bewohnt sie sogar wieder ihr Elternhaus. Und: sie veröffentlicht ihr drittes Album, mit dem sie zum ersten Mal „richtig zufrieden“ ist. Denn mit diesem Album, bei dem sie Unterstützung von befreundeten Musikern wie Willy Oldham (Bonnie ’Prince’ Billy), Matt Sweeney (u.a. Zwan) und Andrew W.K. (kennt den noch jemand?!) bekam, gelingt es ihr zum ersten Mal, ernsthaft und rundum die Vorstellung ihrer eigenen Musik umzusetzen. „Big Titty Bee Girl“ als Metapher des Unerreichbaren, „The Earlie King“ mit seiner opulenten und nostalgischen Aufladung, das zärtelnde „Safe Inside The Day“. Musik, die, wie sollte es anders sein, in den verschiedensten Farben schillert, mühelos zwischen Varieté, Jazz, Folk, und Chanson changiert. Hinter verstimmten Bar-Pianos ersonnen, in schweren Brokatsesseln eingespielt, in verrauchten Kneipen aufgeführt - mit Verfremdung, hemmungslosem Pathos und ureigen barockem Anstrich gelingt Grand Dame Baby Dee ein sehr extravagantes Werk, das auch vor instrumentalen Interpretationen nicht zurückschreckt. Und wo wir gerade beim Stummfilm waren: auch den kann man sich zu Baby Dees Stücken sehr gut vorstellen. Nicht nur, dass man mit ihrer Musik wunderbar imaginäre Reisen in die Vergangenheit unternehmen kann - diese Musik ist aktueller denn je. Vielleicht sollte auch mal Tim Burton in ihr neues Album reinhören? Mindestens aber alle Fans von Antony and The Johnsons, Dresden Dolls, Joanna Newsom und Tim Fischer. Ein tolles und reichhaltiges Album! (Christa Herdering, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 08.02.2008

Künstlerin: http://www.babydee.org | http://www.dragcity.com

Anspieltipps

  • Safe Inside The Day, 01
  • The Early King, 02
  • Big Titty Bee Girl, 06
  • The Only Things That Show, 04
  • Fresh Out Of The Candles, 05

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