Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2004

Albumcover

Ash
Meltdown

“I Fell In Love With A Sweet Sensation, I Fell In Love With A Simple Chord. I Think My Brain Is Gonna Overload, I Think My Head Is Gonna Explode, Yeah!”

Manchmal tun Musiker das Unerwartete und lösen doch Erwartungshaltungen ein. Der Auftakt der neuen Ash überrascht und versöhnt gleichermaßen. Nach dem klebrigsüßen „Candy“-Nachschlag des letzten Albums war auch eine große Geste der Wiedergutmachung ein unausweichliches Muss. Statt auf gähnender „3“ steht jetzt am Amp auch mal ne satte „7“. Mehr gebügelten Pop konnte wohl auch die Band selbst nicht mehr ertragen...

Ash haben für „Meltdown“ ihre Koodinaten etwas verschoben. Wo sonst ein flauschiger, bis zum Melodie-Exzess betriebener Post-Britpop-Teppich ausgelegt war, ist die Band 2004 im Aufbruch.
War der auf Hit-getrimmte Vorgänger „Free All Angels“ der Büchsenöffner der Mainstreamdose, könnte ihr viertes Album die Türen wieder Richtung Alternativerock aufsperren. Obwohl die Koexistenz der beiden Ausrichtungen auch die Gefahr impliziert, sich und die Fans im Positionierungswahn zu verlieren.
Ob Frontmann Tim Wheeler Dave Grohl in einem feuchten Traum begegnet ist, Produzent Nick Raskulinecz (bearbeitete unter anderem schon QOTSA und System Of A Down) oder das kalifornische Studio in dem auch Nirvana ihr “Nevermind“ einspielten den zündenden Ausschlag gab, ist rein hypothetisch. Die vier Nordiren sind jedenfalls zurück mit der Essenz ihres Schaffen. Nur dynamischer und mit einer treibenden Wucht, die deutlich mehr direkt nach vorne losgeht als alles, was von der Band bekannt ist.

Beim Opener „Meltdown“ birst die Pop-Oberfläche und es schieben sich Klippen in die Höhe, zerfurchten und zerklüften und bleibt trotzdem Ash. Die Pop-Charakterzüge des Quartetts sind weiterhin die unverkennbaren Haft- und Anhaltspunkte, so tief verwurzelt wie die nordirische Geschichte mit religiösen Konflikten. Ash Doing Ash.
Die treibende erste Single „Orpheus“ ist ein Axt-schwingender und in Lederkluft gehüllter Brian Wilson. Wir haben unseren Spaß!
Ebenso vergnüglich hüpft “Out Of The Blue” Weezers “Surfwax USA” auf den Zehen herum und wäre auch auf dem Vorgängeralbum nicht weiter aufgefallen, genau wie das euphorische „Evil Eye“ seinen Platz auf der nächsten Best Of sicher hat. Immer wieder blitzen die bandtypischen Pop-Qualitäten, der Hang zum Hymnischen verstreut auf – inmitten druckvollen Riffs auf der Flying V. „Renegade Calvalcade“ ist vielleicht das untrügerische Filetstück: Catchy as fuck und süßer als jedes Saccharin. Der entfernte Gegenpol zum aggressiven Riff-Statement „Clones“. Die mutige Download-Only-Single springt einem förmlich ins Gesicht – mit Schuhen voran. Wummert, zerrt, gewittert und überrascht mit bedeutungsvoll-vagen Texten, deren Interpretierbarkeit der eigenen Wahrnehmung unterliegt. Gesellschaftskritischer Impetus nicht ausgeschlossen. Und auch das ist neu. Das Gros der Songs legt aber natürlich seinen Bekenntnischarakter offen und heftet sich trivialeren Aspekten des Lebens an. Keine Zeit für substantielle Vieldenkerei, lyrische Tiefe.
Da doch lieber übertünchende Refrains und eine fette Portion Sing-A-Longs. Schließlich wollen die Kids auf der Strasse auch was zum mitpfeifen haben.
So halten sich Härte, Melodie, Gitarre und Gesang die kurzweilige Balance. Wenn es schubbert, dann mit Dreiviertelkraft.
Wenn Präzisionsfeuer aus allen Rohren, dann die Melodie stets fest im Blick, die die Surf-Rock-Härte weichzeichnet. Schließlich heißt die Band immer noch Ash. Und Ash sind immer noch Pop.
Nur Drummer Rick, stemmt sich mit seiner Drum-Roll motiviert gegen die aufgedrehten Gitarren und die unvermeidlich-weltumarmenden Refrains des Frontmanns wie einer, der wirklich Wut im Bauch hat. Ash erfinden sich nicht neu, gewinnen aber mit „Meltdown“ wieder an Markanz und Schärfe.

Das einzige markante Manko der Platte ist vielleicht die schwachbrüstige Jungenstimme von Beau Tim Wheeler, die vielen Tracks die neugewonnene Energie nimmt. Trotz Dreitagebart und „vorbildlich angerocktem“ Körper wirkt die Stimme wie ein Fremdkörper im Ash-Kosmos. Mehr Explosivität und Rohheit hätte so manchen Songs erst so richtig den Rock´n´Roll einverleibt.
Aber wen erinnern Ash schon an den Geruch nach mit Motoröl eingeschmierten Körpern und whiskygetränkten Headbangern?

(Markus Wiludda, eldoradio*)

Artist: www.ash-official.com
Label: www.eastwest.de

Anspieltipps

  • Orpheus #2
  • Evil Eye #3
  • Detonator #8
  • Clones #4
  • Renegade Cavalcade #7

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