Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 25/2010

Albumcover

Ariel Pink's Haunted Graffiti
Before Today

„At Night I Work In A Strange Bar/ Impersonating Every Star“, schallt es aus den Boxen. Auf der Leinwand sind Drag Queens aus dem New York der 80er Jahre zu sehen. Mit dieser multimedialen Installation wurde im Londoner Tate Modern einem der wohl einflussreichsten Photobände zum Diskurs der Geschlechterfrage Tribut gezollt- „The Ballad Of Sexual Dependency“ von Nan Goldin. Sie dokumentierte mit ihrer Leica eine Entwicklung, die die Poststrukturalistin Judith Butler Anfang der 90er Jahre mit ihrem Manifest „Gender Trouble“ (angelehnt an den irrwitzigen Film „Female Trouble“ von John Waters, mit der Drag-Ikone Divine in der Hauptrolle) als „Performativität des Geschlechts“ bezeichnete und markierte damit den Untergang der Heteronormativität. Vereinfacht gesagt, das biologische Geschlecht gibt nicht das kulturelle Geschlecht vor. Die Zeilen von „What Makes A Man A Man?“, verfasst von Charles Aznavour, trafen perfekt die Stimmung, die die Bilder von Nan Goldins Odyssee im kulturellen Umbruch erzeugten. Diese wurden auch einst von Marc Almond interpretiert. Die Lichtgestalt der unterschätzten 80er Synthiepop-Band Soft Cell führte in der progressiven Zeit der Londoner New Romantics-Ära das fort, was Klaus Nomi einst zur hohen postmodernen Kunst erhob - Performativität von Geschlecht auf allerhöchstem Niveau zelebrieren.
 
Im Gegensatz zu Nan Goldin pflegte Ariel Marcus Rosenberg- besser bekannt als Ariel Pink- ein Dasein als Eremit à la J.D. Salinger und vergrub sich in seinem Konglomerat von obskuren Instrumenten, die er missbrauchte, umfunktionierte und zu seinem Eigen machte. Ariel Pink nahm über die Jahre hinweg Tausende von Tapes auf, auf denen sich ein Panoptikum an wirren Sounds sammelte. Doch nun wird aus dem D.I.Y.-Künstler aus L.A. ein Musiker mit Plattenvertrag. Einem gar nicht mal schlechten Plattenvertrag, denn er ist bei dem Prestige-trächtigen Indie-Label 4AD unter Vertrag genommen worden und veröffentlichte nun mit seiner Band Ariel Pink’s Haunted Graffiti -laut seiner eigenen Angabe- seinen ersten richtigen Longplayer namens „Before Today“. Bezeichnender könnte der Titel gar nicht sein, denn das was Ariel Pink nun macht ist eine Art avantgardistisches Recycling seines Sammelsuriums von Songs und Sounds. Und seinem Gedankengut zum Thema Peformativität von Geschlecht. Denn der langhaarige, hagere Ariel Pink singt im Song „Menopause Man“ davon, dass er von nun an eine Dame sein will („Mental woman, born of man/ Born of woman, mental man/ Change me, I'm changing day to day/ Lady, I'm a lady from today“). Der diskursive Charakter von Geschlecht hat also offensichtlich auch Ariel Pink nicht kalt gelassen. So fortschrittlich sein Denken ist, so retro ist seine Musik. Denn Ariel Pink bleibt seinem Ethos treu und verzichtet - trotz Aufnahme im hochtechnisierten Tonstudio - auf polierte Tracks. Er setzt immer noch auf Lo-Fi vom Feinsten, um den Anschein zu wahren, dass er immer noch die Kinderzimmerproduktionen in limitierter Auflage veröffentlicht. Denn seine Jünger sammeln frenetisch alles, was jemals von Ariel Pink veröffentlicht wurde, seien es nun Home Tapes, Vinyls oder eben im Lo-Fi-Kosmos geheiligte Alben wie „The Doldrums“. Dass überhaupt jemals etwas von seiner Konzeptkunst, wie Ariel Pink es bezeichnet, das Tageslicht erblickte, wurde von einer Band ermöglicht, die gar nicht mal artfremd ist, dem Animal Collective. Die Psychedelic-Postrocker par excellence veröffentlichten einige von seinen Songs auf ihrem Label Paw Tracks. Naheliegend, denn der wirre, Surfpoppige Sound von Ariel Pink’s Haunted Graffiti entspricht genau dem, was Animal Colletive ausmacht. Man könnte annehmen, dass Ariel Pink trotz der Chance mit ausgebildeten Toningenieuren und Produzenten arbeiten zu können, nicht auf die Analogität verzichten will, eine Art Schachzug ist die Welt zu verändern. Doch reagiert er darauf ironisch und verkündet „Revolution’s A Lie“ auf dem letzten Song des Albums, mit dem er den Goth-Heroen seiner Jugend musikalisch Tribut zollen will. Man hört es ihm nicht an, aber in seiner Highschool-Zeit war der junge Ariel Pink ein leidenschaftlicher Fan von Bands wie The Cure oder Sisters Of Mercy.
 
Stattdessen adaptierte er einen Beach Boys meets Dusty Springfield-esken Sound, der sich durch die gesamten 45 Minuten in zwölf Songs durchzieht wie ein roter Faden. So erahnt man in „L’estat“ eine Spur von Petula Clarks „Downtown“, das gegen Ende aber in einen rasanten Beat umschwenkt und überrascht. Die musikalischen Assoziationsmöglichkeiten gehen einem bei „Before Today“ gewiss nicht aus, doch ist dieser Retro-Charme genau das, was Ariel Pinks Kunst ausmacht. „It’s Always The Same As Always“ beginnt Ariel Pink selbst bei der ersten Singleauskopplung „Round And Round“, welche durch ein fabelhaft unaufdringliches Arrangement von Synthesizern besticht und dadurch in einen leichtfüßigen Popsong mündet. Seine sarkastische Ader und sein ja fast „Seinfeld“-ähnliches komödiantisches Talent lässt Ariel Pink auch im Song „Beverly Kills“ durscheinen. Selbst Privatschüler im Stadtteil Beverly Hills von Los Angeles singt er darüber, dass Beverly Hills das Aufkommen von Freaks im Keim erstickt („Beverly Kills The Freaks“). Vielleicht auch nur eine Anspielung auf die naive Weise Cher Horvitz aus „Clueless“. Ariel Pink liebt das Chaos („Don’t Wanna Stop The Mess“) und hält es konsequent aufrecht, denn er verarbeitet so immens viele musikalische Einflüsse, das einem zwar der Kopf raucht, aber man dennoch nicht umhin kommt, sich ständig zu wundern, wie eigen doch die Musik von Ariel Pink’s Haunted Graffiti ist. Seine Individualität wird in dem Glanzstück der Platte „Fright Night (Nevermore)“ wieder kristallklar. Mit krassen 80er Synthie-Sounds singt im „Bela Lugosi’s Dead“-Stil über die kontempoäre Popularisierung von schwarzer Magie und Aberglauben. Ein düsteres, makabres Thema gehüllt in fast euphorisches Klangbett, das einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert und in den Gesangschor einstimmen lässt. Grotesk und genial. Denn wer Zeilen wie „I Used To Talk To Demons With My Ouija Board But Not Anymore“ (wer den 90er Jahre Teenie-Film „The Craft“ gesehen hat, weiß, was ein Ouija Brett ist) mit B-52’s ähnlichen Chören und Miami Vice-Titelmelodien verbindet, kann ruhigen Gewissens behaupten, das sei Konzeptkunst. Wirklich bewundernswert auch einen Beat zu kreieren, der an Fleetwood Macs „Tell Me Lies“ erinnert, und diesen mit den Versen „I’m A Necro-Romantic/ I’m A Suck On Your Blood“ unterlegt. Marcel Duchamp wäre sicherlich stolz ob dieser Surrealität.
 
Aber auch die Kritik an seiner Homebase Los Angeles kann Ariel Pink nicht unterlassen. Die Stadt, die die Gitarren-Koryphäe Slash einmal als größte durch den Menschen verursachte Katastrophe titulierte. So tut Ariel Pink seine kritische Sozialstudie in dem Song „Butt-House Blondies“ kund. Mit dem wohl rasant rockigsten Gitarrenriff auf der gesamten Platte singt er darüber, dass sich die jungen Hüpfer von L.A. nur zudröhnen in ihrer Freizeit, um am Ende festzustellen, dass sie doch nur als Brutmaschinen dienen können. Adäquat dazu stöhnt eben eine Blondine als Backing Vocal. Womöglich hat Ariel Pink es einfach satt in seiner ökologischen Nische ständig diese Dummchen („Now All She Knows Is That She Can Breed/ She’s Dumb And She’s Dumb“) beim Antrieb des kulturellen Verfalls zu beobachten. Und die Wut verkörpern die Gitarren. Eine wundervolle Symbiose.
 
Dass Ariel Pink den Terminus „Chillwave“ prägte, zeigt sich wieder in „Can’t Hear My Eyes“, in dem er wieder einmal zu seinem Lo-Fi Sound zurückgreift und als besonderes Schmankerl ein paar Töne vom Saxophon hinzufügt. Das Ganze hat einen Chill-Out Lounge Charakter, aber nicht so cheesy, dass er auf einer „Cafe Del Mar“-Compilation Platz finden würde. Dafür ist Ariel Pink viel zu avantgardistisch. Denn unerwarteterweise findet sich auf „Before Today“ auch ein Cover von dem Song „Bright Lit Blue Skies“ der Garagerockband The Rockin’ Ramrods aus den 60ern. In einer smoothen Interpretation, wie sie nur Ariel Pink’s Haunted Graffiti machen können. Denn was man oft vergisst, ist, dass es sich um eine tatsächliche Band handelt. Obwohl man nicht leugnen kann, dass die anderen Musiker eher Mittel zum Zweck sind, denn im Endeffekt dreht es sich nur um Mastermind Ariel Pink. Er vollbringt die Kunst, alles bisher da Gewesene offensichtlich zu verwerten, zu rekombinieren und daraus sein Eigen zu machen. Das instrumentale Stück „Reminiscences“ bringt es auf den Punkt- „Before Today“ ist eine musikalische Reminiszenz an die good old wild days, gepaart mit progressivem Gedankengut.
Es erscheint chaotisch, aber wie Theodor Adorno einst feststellte: „Die Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu bringen.“ (Alice Polansky, hochschulradio düsseldorf)
 
VÖ: 11.06.2010
 
Links: Band | Label

Anspieltipps

  • MO: 05, Round And Round
  • DI: 06, Beverly Kills
  • MI: 04, Fright Night (Nevermore)
  • DO: 02, Bright Lit Blue Skies
  • FR: 11, Menopause Man

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