Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 04/2006

Albumcover

Arctic Monkeys
Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not

Hier ist es also endlich, das heiß erwartete Debüt der Arctic Monkeys. Wie, „wer soll das sein?“!? Na gut, für die, die die letzten sechs Monate auf einem weit entfernten Planeten oder in einem Luftschutzbunker verbracht haben, hier noch mal kurz das Wichtigste zu den arktischen Affen: Vier verpickelte Lausbuben aus Sheffield gründen eine Schülerband, stellen ihre Songs als kostenlose MP3s in Netz und sind plötzlich im ganzen Vereinigten Königreich und darüber hinaus bekannt – ganz ohne Plattenvertrag und Promo-Aufwand. Also quasi das genaue Gegenteil von Tokio Hotel (wobei das genaue Gegenteil von Tokio Hotel ja eine Band mit alten Frauen sein müsste, aber lassen wir das…). Es folgten ausverkaufte Konzerte mit absurden Schwarzmarktpreisen und einem Publikum aller Altersschichten, das alle (nach wie vor offiziell unveröffentlichten) Songs lautstark mitsang.

Jetzt, nachdem sich die Labels um die jungen Recken geprügelt haben (Domino gewann und machte die Arctic Monkeys zu Labelmates von Franz Ferdinand) und „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ sich als einer der derbsten – nun ja – Tanzbodenfüller des vergangenen Jahres entpuppte, erscheint also endlich das Debüt dieser Band, was uns wieder an den Anfangspunkt dieser kleinen Ausführung bringt. „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ beweist nicht nur abermals den Faible der Band für ausufernde Titel (da hätten sie ja auch noch ein „You Probably Couldn’t See For The Lights But You Were Staring Straight At Me“ in petto), sondern auch deren Anti-Haltung selbst gegenüber der eigenen Anti-Szene.

Bei so viel Vorlauf stellt sich natürlich irgendwann die Frage, wie dieses heiß erwartete Mörderalbum denn nun eigentlich klingt. Und da lautet die Antwort: wie erwartet, nur ganz anders. Zwar finden sich mit „Fake Tales Of San Francisco“, „Dancing Shoes“ und „Red Light Indicates Doors Are Secured“ (diese Songtitel!) noch einige weitere heiße Anwärter auf Indiedisco’s Darling, aber selbst diese potentiellen Singles warten schon mit einigen überraschenden Wendungen, Haken und Stolperkanten auf. Ständige Rhythmenwechsel muss spätestens seit Franz Ferdinand ja jede Band draufhaben, die Arctic Monkeys gehen aber noch weiter und zerlegen beispielsweise ihren Opener „The View From The Afternoon“ mittendrin in seine Bestandteile (was jedem DJ jedes Mal aufs Neue Herzstillstände verursachen dürfte), ehe sie die Einzelteile wieder zusammensetzen und den Song dann mit treibenden Beats zu Ende bringen. Diese fantastischen Wendungen wirken dabei aber nie kalkuliert, sondern klingen genauso spontan und natürlich wie die Zwei-Akkorde-Punksongs, die sie eigentlich sind. Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, dass diese kleinen Monster gerade mal grob volljährig sind, fühlt man sich ganz schnell alt – und möchte kurz vor der Arthrose noch mal schnell alle Knochen reichlich durchschütteln.

Natürlich klingen die Arctic Monkeys so „eigenständig“, wie es 90% aller britischen Hypebands im Moment tun. Alles kommt einem diffus bekannt vor und am Ende klingt eh alles ähnlich – und trotzdem wiederholt sich die Band kein einziges Mal. Was leider auch für „I Bet …“ gilt, denn dieser Song ragt so sehr aus dem Album heraus, dass er selbst die besten anderen Tracks ein bisschen blass aussehen lässt. Dafür liefern die etwas ruhigeren Songs wie das erfrischend verschnarchte „Riot Van“ (praktischerweise mitten im Album, sozusagen als Verschnaufpause) und der Libertines-Gedächtnis-Song „Mardy Bum“ die Sorte Abwechslung, die so ein Album voller Dampfhammer-Tanznummern dringend nötig hat.

Wer ernst genommen werden will, unterlässt es besser, im Januar etwas von „Album des Jahres“ zu faseln oder gar zu schreiben. Wie gut „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not” tatsächlich ist und wie lange sich das Album hält, wird die Zukunft zeigen. Bis dahin werden wir aber noch tausendmal „I Bet That You Look Good On The
Dancefloor“ geschrieen haben. (Lukas Heinser, CT das Radio)

Künstler: http://www.arcticmonkeys.com | Label: http://www.dominorecordco.com

Anspieltipps

  • When The Sun Goes Down, #11
  • Fake Tales Of San Francisco, #3
  • Riot Van, #7
  • I Bet You Look Good On The Dancefloor, #2
  • Mardy Bum, #9

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