Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 19/2004

Albumcover

Archive
Noise

Es ist schon wieder fünf Uhr morgens, draußen brechen die ersten Strahlen das Dunkel. „Noise“ ächzt durch mein Zimmer. Kommt nie zur Ruhe, packt mit seiner Kraft und attackiert immer von einer anderen Seite. Halluzinogene, Nachgeschmacksdepris und wüste Tristesse zwischen Aufgebehren und Resignation. Psychotisch, gebrochen und tastend wandeln Archive durch den vertrackten Raum. Jedes Erwehren, jede Flucht muss in einer Niederlange enden. Stemmt man sich noch mit aller Kraft dem süßlichen Gesäusel frei, umschlingt der Wirbelsturm immer mehr, gewinnt an Kraft, bäumt sich auf. Spur auf Spur, Klang für Klang. Ein entfesselter kaskadischer Tornado. Im Zimmer.

Diese Jagd hat Methode. Auf der zunächst vermeintlich kargen und zuckrig-bedächtigen Oberfläche lauert die Substanz. Verquere Kracheskapaden stören im „Love Song“ urplötzlich die Balance, schaukeln sich zu kruden Gitarrengewittern auf und jagen den Song samt konstante Rhythmik und Beautiful-Loser-Atmo durch den Vocoder-Schredder um hinterher die blauen Flecken mit Zuckerguss zu kurieren. Dabei sind die Songs der drei Briten poppig genug um den Hörer zu binden, aber auch clever genug um ihn ständig mit überraschenden Wendungen zu beschäftigen.

Im störrischen Opener „Noise“ orientiert man sich am Gesang des Craig Walker, während um einen herum viel mehr passiert als man unmittelbar aufzunehmen im Stande ist. Ein großer Moment atmosphärischer Verzauberung, die sich trotz aller Dramatik nicht in hippi-eskes Psycheldelic-Gewaber verliert. Eindringlich intensive Songs zwischen Leiden, Verzweiflung und Sehnsucht. Ein Soundwall überrollt das intensive „Pulse“, versperrt mit Streicher-Blockaden den Zugang, bis das falsettierte Echo, hinterhältig drohend, die wummernden Äderchen im Kopf bis kurz vorm Platzen anschwellen lässt. Jegliche Orientierungslinien verschieben sich permanent.
Nur einen Hakenschlag weiter bäumt sich lapidar-lakonisch das grandiose „Fuck U“ zu einer Hasstirade ganz ohne ungebremste Aggressivität auf und lässt die Abgeklärtheit erkennen, die hier alles mit einer dicken Schicht überzieht, was vielleicht für einige dieses Album eine Spur zu unsexy macht.

Die Band scheint an ihren Leidenschaften und Verzweiflungen zu zerbrechen, dennoch entlädt sich die Energie selten so roh, pur und explosiv, wie es ihr gut zu Gesicht gestanden hätte dieses eskapistische Breitwandepos mit all seinen Facetten über die Klippen in die vernichtende Brandung zu werfen.

Die ausgefeilte Dramaturgie sitzt dennoch und die kontrastreiche Produktion setzt auf Metamorphosen und Vielschichtigkeit, weniger auf Verstörung und Zermürbung. Archive umranken ihr Album mit organisch-ätherischer Melancholie, die weder trist noch kalt empfinden lässt. Ein Flair von beklemmender Entrücktheit, eine bewegende Simultanität von Apathie und Elegie („Waste“ verliert sich in mehr als neun Minuten), häufiger aber noch eine überwältigende Rasanz bedrohlicher Untertöne. Fröstelnd kauert man inmitten der ganzen heraufgeschworenen Hitze und ist sonderbar gepackt von der Verletzlichkeit und Stärke die keineswegs aufgesetzt und uninspiriert wirkt. Die bitteren Erfahrungen der 10jährigen Band-Vergangenheit im Gepäck lassen hier niemals Beliebigkeit oder Attitüde überquellen.

Es ist die gebrochene, tastende, erledigte Sehnsucht und angstvolle Sensibilität und die wohl dosierte Kraft mit der die Band entgegenwirkt, die „Noise“ zu einem spannenden, überzeugenden und modernen Pop-Album machen.
Jedes Erwehren, jede Flucht muss in einer Niederlange enden.

(Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: www.archivemusik.net

Label: www.eastwest.de

Anspieltipps

  • Fuck U #2
  • Noise #1
  • Love Song #10
  • Sleep #4
  • Pulse # 8

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