Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 45/2013

Cover: Arcade Fire - Reflektor

Arcade Fire
Reflektor

 

"It´s never over". Auch nach dem fulminanten Trip in die Vorstädte schaltet jedermanns Lieblings-Indie-Kommune Arcade Fire keinen Gang runter. Ganz im Gegenteil, ans Steuer für das erste Doppelalbum holte sich das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne niemand Geringeres als James Murphy, der nicht nur etlichen großen Namen bereits eine bombastische Soundästhetik verlieh, sondern auch mit seinem LCD Soundsystem glatte Meisterwerke in Sachen Electronica-Pop erschuf. Und genau dieses Genre-Stichwort hat anscheinend einige Traditionalisten unter den Arcade Fire-Fans ein wenig in Unruhe versetzt. Ersten Reaktionen zufolge konnten auch diverse Spektakel wie eine limitierte 12-inch Single oder atemberaubende Secret Gigs dieses Unbehagen nicht kompensieren. Verwunderlich, denn schon nach dem ersten Durchlauf von "Reflektor" könnten auch die Classic-Rock Verfechter aufatmen.
 
Im Grunde hätte das schon vorher klar sein können, denn auch beim LCD Soundsystem ging es nie primär um Tracks, sondern um Songs. Die Befürchtung, dass der Arcade Fire-Sound eine Verortung Richtung Club erfährt, ist absolut illegitim, auch wenn sicherlich nicht nur der Titeltrack – der die Irrfahrt als wahnsinniges Konglomerat aus Synthies, Beats, Percussion, Klavier und Bläsern in Form von Hörnern und Saxophon eröffnet – mit discoiden Elementen infiziert ist. Die Voreingenommenheit ist nicht nur wegen unzähligen ex abrupto einsetzenden Tempowechseln und Chor-Passagen unpassend. Denn der elektronische Ansatz war ohnehin bereits auf Nummern wie "Sprawl II" zu entdecken. Zudem präsentiert sich die Band auf "Reflektor" in ihrer bisherigen Laufbahn (die 2005 wiederveröffentlichte EP, die in einer Scheune aufgenommen wurde, mal ausgenommen) wohl auch am ausgeprägtesten in Live-Format und Schrammelgestus (in "Normal Person" oder auch "You Already Know"). Die discoide Tendenz auf den anderen Stücken, die sich auf "We Exist" in Form von groovigem Funk-Bass präsentiert, drängt sich außerdem nie zu stark in den Vordergrund. Generell demonstriert "Reflektor" erneut die musikalische Bandbreite der Band.
 
Gegen Ende der zweiten Hälfte, die insgesamt dezenter gestrickt ist, sind die Synthies dann aber doch nochmal ein wenig präsenter. Nervös zuckend und fast schon hypnotisch auf "Porno", dem heimlichen Highlight des Albums, das wohl vor allem aus konzeptionellen Gründen und nicht quantitativen auf zwei Scheiben gepresst wurde und mit balladeskem Electropop auf "Supersymmetry" endet. Der wesentliche Unterschied zu den Vorgängern besteht eher darin, dass die Spannung sich subtiler entlädt als zuvor, beziehungsweise gar nicht immer aufgehoben wird. Eine der Ausnahmen ist das exotische "Afterlife", das wieder einmal die Unmöglichkeit vorführt, dass bei Arcade Fire ein Refrain oder eine Strophe jemals identisch klingen wird. Alles ist im Fluss. Diese hohe Kunst beherrscht die Kapelle ebenso wie die Fähigkeit, sich verschiedene Stile anzueignen ohne dabei auch nur ansatzweise nach Imitat zu klingen. Eine der Parallelen zu einem ihrer zahlreichen Verehrer, dem Pop-Chamäleon Bowie, der übrigens auf "Reflektor" mitsingen "durfte".
 

Der gottesfürchtige Win Butler wird schon fast ein wenig blasphemisch, wenn die Kunst selbst über das Verweilen in der himmlischen Sphäre gestellt wird. "But If there´s no music up in heaven, then what is it for? When I hear the beat, the spirit´s on me like a live wire," heißt es in "Here comes the night time." Exakt, ohne Pop wie diesen hier ist sogar das Paradies komplett öde. Übrigens widmen sich Arcade Fire auch zwei Charakteren der griechischen Mythologie: besungen werden das Ehepaar Eurydice und Orpheus. Jener war übrigens für seinen Gesang berüchtigt, der selbst die Götter und Felsen zum Weinen bringen konnte. Arcade Fire sind da erneut ganz nah dran.

 

Anspieltipps

We Exist, #2
Link:

Reflektor, #1
Link:

Normal Person, #5
Link:

Afterlife, #12
Link:

Joan Of Arc, #7
Link:

Hier könnt Ihr Arcade Fire: Reflektor - Silberling der Woche 45/2013 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar