Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 12/2005

Albumcover

Arcade Fire
Funeral

Sie laben sich aus Tümpeln der Trauer, sind himmelhochjauchzend und gleichzeitig zu Tode betrübt. Voller Pathos und Ausdruckskraft, die wie ein Strudel aufsaugt, hin- und herwirbelt, fleht, schwelgt und erst da aufhört, wo für manch andere der eine Schritt weiter über die Klippe zum Kitsch schon längst getätigt worden wäre. Dicke Streichergeschütze, die Wucht ekstatischer Grandezza-Stimmen, symphonische Wogen. Voll pathetischer Titelsequenzen, wo jemand wie durch ein sich wiegendes Gerstenfeld schreitet. Voll Erhabenheit

Dabei stehen die in der Musikpresse schon oft zitierten Todesfälle im Bandumfeld und deren Bewältigung nicht nur dank des Albumtitels oft im Mittelpunkt der Arrangements. Diffuse Lichter, Tunnelenden. Das Erinnern. Das den Gedanken nachhängen -mal in sich versunken, mal sich der kompletten Welt mitteilend. Das Distanzlose lässt erschaudern. Allerdings in seiner allerwohligsten Form. "Funeral" berührt, wie schon lange nichts mehr.

Schuld daran ist vor allem die kraftvolle Interpretation des siebenköpfigen Kollektivs, das sich in der kanadischen Metropole Montreal zusammengefunden hat, um den Kardinalsthemen der Ehrlichkeit eine Stimme zu verleihen. Vornehmlich tun dies Win Butler, ein Exil-Texaner, und seine Ehefrau Regine Chassagne. Und das auf eine ganz eigenwillige exaltierte, teilweise klagende, aber sehr sympathisch-passende Art. Eine, die subtile Unruhe verbreitet und dabei den Spontaneitäten und Ernsthaftigkeiten eine dichte Spannung verleiht. So wird über Nachbarschaften, Verbundenheiten und die Liebe geschnurrt, während ein Piano aus den seltsamsten Momenten Fahrt aufnimmt und sich in angenehm entrückte Schieflagen bugsiert. Das Selbstverständnis, mit dem hier der Ballade die Unschuld genommen und das Flehende eingespeist wird, wie der Indie-Diskorocker -verloren stampfend- neu erfunden und die Chöre ins Glockenspielmesser laufen, gebührt Anerkennung. Nicht umsonst tauchte "Funeral" schon im Jahr 2004 in diversen Jahres-Toplisten amerikanischer und kanadischer Magazine auf, stimmen Eric Clapton und David Bowie unisono in den Beifall für die Bühnenshow der kanadischen Formation ein. Wo jedes Mitglied mindestens zwei Instrumente beherrscht, gerät der Auftritt zum Hütchenspiel.

Auf Platte erstaunt, dass diese doch mit einer zerschossenen Schwere behafteten Themen musikalisch zwar intensiv und düster daherkommen, indes über weite Strecken nach jugendlicher Frische und Leichtigkeit schmecken. Typische Indie-Rock-Stigmen, die anderswo wahrscheinlich abgedroschen klingen würden und die die emotionale Uneindeutigkeit im Ausdruck übertünchen. Gleichwohl braucht es seine Zeit, um sich vorbehaltlos den verwegenen Abbiegungen hingeben zu können. Denn plötzlich lanciert eine Slidegitarre den rauen, aufwändigen Rhythmus, treten zerkratzte Gitarren in eine düster-beschwörende Stimmung und abgewetzte Verstärker ins schummrige Licht. Kontrabass-Tupfer sorgen für Hochstimmung, bis die Melodielinien von Wogen aus Streichern aufgesogen werden. Immer ein bisschen mürrisch, aber lebensweise.

Hier treffen ungekämmte Melodien auf ungewaschene Arrangements und ungekannte Emotionen. Immer ein bisschen gerädert und verbeult kreiseln zehn Titel um Kaskaden, Tempoverschärfungen und Harmoniebrüche. Immer uneindeutig zur Referenzlast, zu sich selbst und zum Hörer. Ein wundersames Album, das sich nicht auf wenige Aspekte reduzieren lässt, das bei allem Wohlklang auch Widerhaken ausfährt, pathetisch die Eigenständigkeit heraufbeschwört und sich aus der Stil-Umzäunung bravourös herauswindet. Im Grunde ist dieses Kollektiv eine ruhelose Seele, die gleichzeitig in verschiedene Richtungen strebt. Bis die Atmosphäre birst. Eine Notwendigkeit. Für die Band und für uns. Ein essenzielles Album. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: www.arcadefire.com; Label: www.mergerecords.com

Anspieltipps

  • 2. Neighborhood 2 (Laika)
  • 7. Wake Up
  • 1. Neighborhood 1 (Tunnels)
  • 9. Rebellion (Lies)
  • 6. Crown Of Love

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