Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2009

Albumcover

Antony & The Johnsons
The Crying Light

Die Natur hat jeden von uns mit seinem ganz eigenen, individuellen und eigentlich auch unverwechselbaren Instrument ausgestattet, welches wir zu Beginn unseres Lebens gleich bestens beherrschen, nämlich unsere Stimme. So unverwechselbar jede einzelne Stimme theoretisch auch ist, nur wenige Stimmen schaffen es, wirklich aus der Masse hervorzublitzen. Und genau so eine besonders auffällige, herausstechende Stimme darf Antony Hegarty sein eigen nennen. Fast einmalig in unserer Zeit und unserem Kulturkreis darf diese Stimme eine ganz eigene Klangfarbe repräsentieren: Klar, gewagt, hoch und essenziell. So ungehört, dass sie die einen in grenzenlosem Übermaß begeistert und die anderen wohl eher erstmal schockt. Eine tremolierende Kopfstimme, die erst gar nicht versucht, die latente Geschlechtslosigkeit zu verbergen. Ein Dauervibratogesang, der Aufmerksamkeit erregt und alleine in seinem Ausdruck eine gewisse Faszination ausstrahlt.

Die Stimme ist auch das Zentrum dessen, was musikalisch auf dem dritten Album von Antony & The Johnsons zelebriert wird, aber nicht nur. Zunächst schwingt da immer eine ganze Portion Welterfahrung mit. Als Transgender, als Frau in einem Männerkörper, das ständige Sichselbstvergewissern, das stete Anderssein. Antony Hegarty macht ohne große Gesten, nur durch Töne auf den weiten Begriff der Normalität aufmerksam und gibt die Möglichkeit, Umgang mit dem Anderssein zu reflektieren. Schon deshalb liebt ihn das Feuilleton, vergisst aber über die sicher spannende Biographie ein wenig die Discographie, die sich nämlich um mehr Aspekte dreht als nur den sexuellen status quo. Es geht um Eskapismus, Weltflucht oder die Nähe zur Natur, die bei diesem ausgeprägten Stadtmensch jedoch auch nur eine romantische Metapher des Vollkommenen bleibt. Es geht um die totale Harmonie, die ständig in Gefahr ist.

Während bei Antonys Kollaboration mit Hercules & Love Affair im letzten Jahr seine Stimme mehr oder weniger ein schrilles Schmuckstück der ohnehin schon bunten Partymusik war, ist die Instrumentalbegleitung auf "The Crying Light" so arrangiert, dass sie die Stimme trägt und den Fokus permanent auf sie lenkt: Reduziert, karg und poetisch. Antony Hegarty lässt seine Musik stilistisch oszillieren zwischen Pop, Folk und Klassik, unstet und ein bisschen grenzgängerisch, was dem Wesen des Transgenders Hegarty nicht unähnlich ist. Antony entblößt sich vor seinem Publikum und lässt es teilhaben an seinen ganz großen Gefühlen.
Über weiter Strecken klingen diese großen Gefühle stärker nach klassischer Kammermusik oder romantischen Orchesterklängen, was auf die Dominanz von Streichern und Klavier in der Begleitung zurückzuführen ist. Natürlich gibt es auch noch andere Instrumente, die hier und da Verwendung finden, sogar eine elektrische Gitarre darf in "Aeon" zum Einsatz kommen.

Das bewusste Hören ist dabei der einzige Weg. Wer "The Crying Light" wirklich hören möchte, muss sich auf die subtilen Nuancen der einzelnen Titel genauer und etwas bewusster einlassen, um diese wirklich zu erschließen. Als die "extremen" musikalischen Eckpunkte des Albums, die einen Schirm über das emotionale Album spannen, kann man "Dust And Water" und "Kiss My Name" bezeichnen. Bei dem ersten erlebt man fast schon Gesang pur, der auf einem Teppich eines scheinbar ewig ruhenden Klanges tanzt. Der zweite genannte Song ist der, der die größte Nähe zu einem Popsong aufweist, da hier auch mal ein Schlagzeug einen relativ knackigen Rhythmus angeben darf.

Schon das zweite Album von Antony & The Johnsons ist preisgekrönt. Kann dies durch "The Crying Light" noch eine Steigerung erfahren? Ein gewisses Potential besteht zumindest und die Kritiker konnte Antony schon fast ausnahmslos in seinen Bann ziehen. Vielleicht ein guter Grund, um noch einmal aus der Distanz zu schauen, warum er so fasziniert. Denn rein musikalisch bietet Hegarty eigentlich nichts, was nicht schon dagewesen wäre. Auch eine Gesangsstimme, die die Zuhörer nicht einfach Mann oder Frau zuordnen können, ist nicht seine Erfindung, wenngleich im großen Popkosmos ungewöhnlich. Manch einer vermisst im Gegensatz zum Vorgänger noch etwas subtile Grandezza und einige schönere musikalische Höhenflüge, aber das könnte auch daran liegen, dass der Erstkontakt mit Antony Hegarty wohl der prägendste Eindruck ist. Seine aktuelle Leistung besteht vielmehr darin, zur rechten Zeit und am rechten Ort seine Gefühle in eine Musik jenseits von irgendwelchen Schubladen zu verpacken und dabei authentisch und ehrlich rüberzukommen. Er entfacht in jedem von uns die kleinen Träume, von denen wir noch nicht wissen, ob sie sich jemals erfüllen können. Auch hier passt die altbekannte Weisheit: Der Weg ist das Ziel. (Florian Hesse, Triquency)

VÖ: 16.01.2009

Künstler: http://www.antonyandthejohnsons.com | Label: http://www.roughtrade.com

Anspieltipps

  • Epilepsy Is Dancing, Track 02
  • Aeon, Track 08
  • Dust And Water, Track 09
  • Kiss My Name, Track 04
  • Another World, Track 06

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