Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 06/2017

Cover: Antilopen Gang - Anarchie und Alltag

Antilopen Gang
Anarchie und Alltag

Aversion, Abwasser sowie Anarchie und Alltag: die Antilopen Gang bleibt auf ihrem neuen Album traditionell - bei der Titelwahl, aber auch bei ihrem Rap. Intelligente Punchlines, frech, links und gesellschaftskritisch. Dabei ist das Raptrio höchst aktuell. Anarchie und Alltag ist ein Kommentar zu relevanten politischen Themen – selten sachlich, sondern voller Wut.

Die Antilopen Gang teilt auf ihrem zweiten Album mächtig aus. Gegen Nazis, den deutschen Staat, auch gegen die Medien – eben gegen all jene, die das linke Weltbild der Band stören. Danger Dan, Koljah und Panik Panzer haben sich 2003 bei einem linksradikalen Kollektiv aus Musikern kennengelernt. Seither machen die Rapper keinen Hehl aus ihrer politischen Einstellung. Selten klang die politische Stimme der Antilopen Gang allerdings so zornig, wie auf Anarchie und Alltag. „Wäre es nicht praktischer, wenn da wo vorher Deutschland war, in ein paar Jahren ein Baggersee entsteht?“, fragt die Band in ihrem Song Baggersee und fordert den Abwurf einer Atombombe auf Deutschland. Diese deutliche Anti-Deutschland-Haltung ist neu im Mainstream-Rap.

Solche Inhalte finden sich normalerweise in Songs, die nur einem bestimmten Publikum bekannt sind, und nicht auf Platz eins der Charts landen. Doch genau dort ist Anarchie und Alltag in den deutschen Albumcharts gelandet – vom ersten Verkaufstag an. In Das Trojanische Pferd besingt die Band, wie sie sich durch ihr erstes Album Aversion (2014) und ihr Mixtape Abwasser (2015) den Ruf des „moralischen Gewissens“ der deutschen Musikszene erarbeitet habe. Alles nur ein Plan, um die Branche letztendlich zu infiltrieren, meint die Band: „Ihr habt gedacht, ihr könntet uns dressieren. / Doch wir haben Euch überlistet und zerstören Euch von Innen.“

Der Volkszorn der Wutbürger sei etwas, auf das man nur mit Wut reagieren könne, sagt Danger Dan in einem Interview. Anecken und provozieren – das war typisch für die Antilopen Gang. Auf ihrem zweiten Album wird die Band politischer und auch aggressiver. Sie rappt nicht mehr so sehr über süße Mädchen, die leider Schrott reden, oder den Kapitän, der vor Italien eine Fähre zum Kentern brachte. Vielmehr geht es um Aktuelles wie die Flüchtlingskrise und den Islamischen Staat. Die Texte sind ähnlich politisch und emotional aufgeladen wie im Punk. Für Anarchie und Alltag ließ sich die Antilopen Gang nämlich vom ersten Album der Punkband Fehlfarben Monarchie und Alltag (1980) inspirieren. In dem Interview sagt Koljah: „Wir haben schon immer eine Schwäche für die Texte von Peter Hein von den Fehlfarben gehabt. Ich befürchte allerdings, dass wir da nicht ganz rankommen.“

Anders als die Musik von Fehlfarben kann die Antilopen Gang ihre politischen Aussagen in ihren Songs nicht von ihrer Ironie trennen. Der Baggersee in den Deutschland verwandelt werden soll, ist da nur ein Beispiel In Tindermatch widmet sich das Raptrio den Deutschen Dennis und Lutz, der eine IS-Kämpfer, der andere Nazi. „Man hörte ihn jetzt immer über Islamisten fluchen, doch genau wie die mag Lutz keine Schwulen, keine Juden. / Ich wette, Lutz und Dennis hängen die ganze Zeit im Internet. / Bei alle den Parallelen sind die beiden bald ein Tindermatch.“ Dabei nimmt sich die Band auch selbst aufs Korn. In Fiasko rappt Koljah: „Das ist Hip Hop, ich scheiße auf Punkrock. / Ich stürme das Haus von Campino mit Rammbock.“ Ungeachtet einer Bonus-CD mit zwölf Punktracks der Band, die Anarchie und Alltag beiliegt, und ihrem Label, dass dem Sänger der Toten Hosen gehört.

Bleibt die Frage, wie viel auf Anarchie und Alltag nun tatsächlich politisch ernst gemeint ist. Mit Blick auf die Infiltration der Musikszene und möglicherweise der ganzen Gesellschaft, sagt Danger Dan im Interview: „Man sollte das auch ein bisschen offenlassen, zum einen um den Plan nicht zu gefährden und zum anderen um das Lied nicht vollends zu entzaubern.“

 

(Julian Beyer, eldoradio*)

 

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Anspieltipps

Das Trojanische Pferd, #1
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Tindermatch, #5
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Baggersee, #9
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ALF, #6
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Fiasko, #4
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