Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2009

Albumcover

Annie
Don't Stop

A&R („Artists & Repertoire“) sind Manager von Plattenfirmen, die über die Aufnahme von Künstlern in das Labelprogramm entscheiden. Im Musikvolksmund bissig auch „Ablehnen & Rücksenden“ genannt. Aber nicht nur Demobänder verschwinden schnell in Ablage P, immer wieder gibt es auch musikalische Leckerbissen, die zwar produziert wurden, aber dann einfach in den Archiven verschwinden und verstauben, so dass nie ein normaler Mensch diese zu hören bekommt...

Fast wäre das auch mit Anne Lilia Berge Strands Musik passiert: Ein Majorlabel hielt die Rechte, sie war vertraglich gebunden, aber mit dem Sound sah die Plattenfirma keinerlei Erfolgschancen. Und so wurde Annie vertröstet. Ein ums andere Mal. Dabei war ihr Debüt „Anniemal“ vor fünf Jahren recht erfolgreich – in jeder Indiedisko liefen die Single „Heartbeat“ und „Chewing Gum“, die mit hemmungslosen Blick Richtung Mainstream und käsigen Beats dem Pop den doppelten Boden unter den Füßen wegzog. Nach einer Weile handelte Annie, löste den Vertrag, sackte die Aufnahmen ein, schneiderte noch drei neue Songs hinzu und machte sich auf den Weg in den Untergrund: Zum norwegischen Indielabel Smalltown Supersound (Lindström, Diskjokke, Whitest Boy Alive). Ganz programmatisch heißt das neue Werk dann auch "Don´t Stop".

Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass gerade ein Majorlabel uns dieses Album vorenthalten wollte. Einmal in den Player eingelegt hört es sich einfach mal nebenbei weg und bietet einem dabei eigentlich alles, was man sich wünscht, um Licht und Wärme in die trübe, dunkle und nasskalte Jahreszeit zu bringen. Discosound, der zum Tanzen animiert, ist genauso vertreten wie ein paar kitschig-schöne Balladen wie das herzergreifende „When The Night“. Der Klang ist dabei so mainstreamig, wie eh und je. Die Beats blubbern harmlos, die zuckrig-süße Stimme von Annie versprüht Leichtig- und Nichtigkeit. Ganz klar: Girls Aloud, Robyn, Kylie Minogue und ähnlich gelagerte Projekte standen Pate, wenn es darum geht, den simplen Popsong zur musikalischen Maxime zu erheben. Kurzweil statt Balast, Eingängigkeit statt verschalteter Struktur.

Schon der Opener, der zu Beginn stilistisch an Gwen Stefanis "Hollaback Girl" erinnert, lässt einen aufhorchen und bringt einen in den richtigen Schwung. Rhythmus und Disco durchsetzen sowieso fast das ganze Album, so dass kaum Langeweile aufkommt. Und das, obwohl hier nur Oberfläche inszeniert wird: schillernd bunt und textlich nicht der Rede wert (was sich damals mit „Chewing Gum“ und „Heartbeat“ ja bereits andeutete). „Don’t Stop“ knattert mit flickerigem Beat voran, „Bad Times“ wäre auch im Lokalradio-Kontext denkbar. Vielleicht wäre Annie 2009 mit einem dicken Major-Deal tatsächlich so erfolgreich geworden, wie vor Jahren prognostiziert. Die Anzeichen stehen mit La Roux, Little Boots und Lady Gaga in den Charts durchaus nicht schlecht. Zurückgestuft in den Indiemodus wird sich der Traum der großen Karriere aber nicht erfüllen.

Es wird nach diesem Album Ruhe ins Schaffen von Annie einkehren, ähnlich wie beim vorletzten Track "When The Night", der nach der durchtanzten Diskonacht ein Ruhepol bietet. Anbiedernd kitschig im guten Sinne, wenn man Elektropop mag und diesen Song als Beginn eines wunderschönen Ausklangs begreift. Beindruckend ist auch, dass die zarte Stimme von Annie sich zwar auf der einen Seite als perfekte Balladenstimme, die auf die Tränendrüse zu drücken vermag, herausstellt, aber genauso gut auch mit den Tanzbeats harmoniert und vom Rhythmus nie erschlagen wird. Die Stromlinienform steht ihr ausgezeichnet.

Sicher ist nicht jeder Titel ein Highlight schlechthin und auch dem digitalen Unterbau merkt man an, dass er metertief in den 90ern versackt ist. Dennoch sind die Spitzen auf die richtigen Positionen verteilt und für die nötige distanzlose Unterhaltung gesorgt. So spaßige Tracks wie „The Breakfast Song“ oder das fluffige „Loco“ geben der hemmungslosen Unbeschwertheit eine Fassung. Pop ist gut.
(Florian Hesse, Triquency)

VÖ: 20.11.2009

Künstlerin: http://www.myspace.com/anniemusic | http://www.smalltownsupersound.com

Anspieltipps

  • Songs Remind Me Of You, Track 06
  • I Don´t Like Your Band, Track 05
  • When The Night, Track 11
  • The Breakfast Song, Track 09
  • Don´t Stop, Track 04

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