Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 03/2009

Albumcover

Animal Collective
Merriweather Post Pavilon

Zwischen gelungener Evolution und Scheitern am eigenen Anspruch liegt in der Kunst oft ein schmaler Grad, ein Tanz auf dem Drahtseil. Im vergangenen Herbst gelang niemandem dieser Drahtseilakt so elegant wie dem Schriftsteller Christian Kracht, der mit "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" die dunkle Dystopie einer Schweizer Sowjetrepublik entwirft, die sich seit einem Jahrhundert mit ihren faschistischen Nachbarn im Krieg befindet. Mit alternativer Geschichtsschreibung beschritt er den Weg in die totale Unwirklichkeit und warf dabei das ungeliebte Label "Pop" in den Straßen- bzw. Schützengraben.

Auch Animal Collective vollziehen auf ihrem neunten Album "Merriweather Post Pavillon" diesen Drahtseilakt, nur ist es bei ihnen genau umgekehrt. Zwar könnte man beim Anblick des Plattencovers vermuten, sie seien nun auch in der totalen Unwirklichkeit eines außer Kontrolle geratenen LSD-Trips angelangt, doch "Merriweather Post Pavillon" ist vielmehr eine emphatische Umarmung von Pop, wahlweise mit den Attributen "weird" oder "experimental" davor, aber immer in knallend bunten Großbuchstaben geschrieben. Das ist in Zeiten von Finanz-Krise und allgemeiner Depression nicht nur herrlich anachronistisch, sondern stellt auch einen Bruch mit ihrem bisherigen musikalischen Schaffen dar. Wie die zickigen Kleinkinder des Freak-Folk kamen sie lange Zeit daher - störrisch, wild und unberechenbar. Geliebt wurden sie trotzdem oder gerade deswegen von vielen.

Unterfordern wollen sie ihre Hörer aber auch diesmal ganz sicher nicht, denn das kürzeste Stück auf der nach einer von Frank Gehry entworfenen Open-Air-Bühne benannten Platte ist immer noch fast vier Minuten lang, Strophe-Refrain-Strophe-Schemata sucht man weiterhin vergeblich. Der Folk ist zwar immer noch eine wichtige Referenz, nur ist er verschüttet unter windschief übereinander getürmten Klangebenen aus allerlei psychedelischen Versatzstücken, verwaschenen Synthies, stakkato-artigen Drums und subsonischen Bässen - spürbar, aber nicht mehr greifbar. Der oft ätherisch entrückte Gesang von Panda Bear und Avey Tare wirkt wie ein zusätzliches Instrument. Die Textfragmente, die im Ohr bleiben, erzählen vom Rückzug in die Einfachheit ("I don´t need material things") oder vom ungläubigen Erstaunen angesichts der Herausforderungen einer immer komplexer werdenden Welt ("Am I really all the things that are outside of me?"). Hippies waren sie im tiefsten Innern ihrer Herzen eben immer schon.

Grundkonstante von "Merriweather Post Pavillon" sind die repetitiven, häufig geloopten Rhythmen, mal eher schleppend wie bei "My Girls" oder "Taste", mal einen in sich zusammenbrechenden Steigerungslauf antreibend wie bei "Guy´s Eyes." Das ist geprägt von aktueller Clubmusik, weniger klanglich als vielmehr im grundlegenden Verständnis von Song-Architektur. So verwundert es auch nicht, dass Animal Collective ihren ersten Europa-Auftritt mit dem neuen Material im Oktober 2008 in dem Berliner Techno-Tempel Berghain absolvierten. Doch die sich wiederholenden Muster sorgen keineswegs für Monotonie. Egal ob in beschwingten Singalong-Stücken wie "Summertime Clothes" oder der harmonisch schwebenden Innerlichkeit von "Bluish": Daraus spricht ein ewiges Suchen und niemals Finden, eine Ortlosigkeit, die nicht bedrängend, sondern entgrenzend und befreiend wirkt.

Kurz vor Ende scheint es, als führe diese Suche letztlich doch in die Erschöpfung. "No More Runnin´" heißt es bezeichnend im von sanftem Meeresrauschen getragenen ruhigsten Stück der Platte. Doch mit dem live bereits oft erprobten "Brothersport", einem polyrhythmischen Afro-Pop-Stück, wie es Vampire Weekend nicht besser hätten schreiben können, endet "Merriweather Post Pavillon" wieder mit so viel überbordendem Ideenreichtum und Spielwitz, wie es begonnen hat.
So klingt es wohl, wenn man die Beach Boys gemeinsam mit Wolfgang Voigt und allen bewusstseinserweiternden Drogen der Welt für ein paar Wochen in ein Studio einschließt, und doch ist von Anfang an klar, dass so etwas nur von Animal Collective kommen konnte. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 09.01.2009

Künstler: http://www.myanimalhome.net | Label: http://www.dominorecordco.com

Anspieltipps

  • My Girls, 02
  • Summertime Clothes, 04
  • Bluish, 06
  • Guy´s Eyes, 07
  • In The Flowers, 01

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