Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 50/2011

Albumcover

Andy Stott
Passed Me By / We Stay Together

Während David Guetta mit dutzenden Singles in den Top100-Singlecharts Erfolge feiert und Parties in Loveparade-Dimensionen schmeißt, sind die wirklich innovativen Produzenten im Untergrund aktiv. Andy Stott ist einer von ihnen und im Untergrund der englischen Clubs-Landschaft scheint er sich dabei besonders wohl zu fühlen. Ganz heimatverbunden tobt und wuselt er besonders gern durch  das nächtliche Manchester. Während er vor Jahren dort noch aggressive Dubstep-Beats auflegte, steht 2011 für ihn  ganz im Zeichen der neuentdeckten Düsternis. Andy Stott schwingt sich auf, der Konsenskünstler des Jahres für Kopfhörertechno zu werden.

Im Mai veröffentlichte der Engländer bereits sein Minialbum „Passed Me By“, im November legte er mit „We Stay Together“ nach. Nun gibt es beide Werke erstmalig auch als Doppelalbum auf CD. Darauf abstrahiert Andy Stott düstere House- und Technoklänge und mischt sie mit grollenden Atmosphären und spannenden Untiefen. Das klingt immerzu mysteriös und trotz Minimalismus unglaublich wirkungsvoll, was nicht zuletzt an den superben Vorlagen liegt, die er schwarz anstreicht und kompromisslos beklemmend seinem Würgegriff zuführt. Der Puls von „Dark Details“ mit den stiebenden Klicks zeugt von Lebendigkeit, aber das ist bloß ein Nachhall. Spätestens der verrauschte Nachfolgetitel mit seinen gespenstischen Vocals, die eine Qualität des Grausamen erreichen, macht klar: Hier handelt es sich mitnichten um Musik des Diesseits. Es ist dämonischer Techno, steril und zugleich unendlich dreckig.

Nur wenige Stücke sind programmatisch oder nehmen den Zuhörer bei der Hand. Jeder darf hier interpretieren, erkennen und verwerfen. Anfassen und fühlen wir ebenfalls dringendst erbeten. Es zählen die eigenen Assoziationen, die eigenen Gefühle, die dieses oftmals instrumentale Musik heraufbeschwört. Manchmal ist es bloß Ambient oder dröhnendes Rauschen. Melodien und Samples gibt es kaum, den Tracks zieht das aber nicht den Boden unter den Füßen weg, obwohl Momente der Schwerelosigkeit suggeriert werden. Alles wirkt unwirklich und entrückt, endlos entfernt und gleichzeitig dennoch nah. Es mutet paradox an, wie das Zusammenspiel von flächigen Ambienten und stupide metronomisierten Vier-Viertel-Takten Stimmungen erzeugen kann, die grundsätzlich so weit weg vom konventionellen Pop-Output erscheinen, wie nur irgend möglich. Intimes Gleiten und sphärischer Absturz sind die Parameter, die Andy Stott zu faszinieren scheinen.

Die Kollegen von Pitchfork befanden schon zur ersten EP, dass dieser „Klagelied-Modus“ die Fortführung von “Death Disco” sei, weil diese technoiden Entwürfe immer ein wenig weltfremder waren als die seiner Kollegen. Für seine aktuellere EP filtert er das Menschliche, Eingängige und Wundersame noch ein wenig mehr heraus. Der Opener „Submission“ betört auf irreführende Weise, ist seltsam entfremdet und zerfällt zunehmend. Ein Track wie Trockeneis: Humorlos, beklemmend, aber auf eine gewisse Art auch wunderschön. Der Rest erinnert an harte Arbeit. Verschwitzte Männer in großen dunklen Stahlhallen, lediglich das Feuer des Hochofen spendet Licht. Industrielle Beats und andere Dunkelklänge, oftmals in Kontexten, die nur zusammenhanglos arrangiert werden, im inneren chaotische Zustände offenbaren, jedoch von dem steten Beat zusammengehalten werden. „Posers“ ist ein knallharter Technobrecher. Staubtrocken. Mit einem Grollen ausgestattet, das den Gegenden entstammt, in denen die tödlichen Gefühle geboren werden.

Von da an ist klar: „We Stay Together“ ist beinhart und unbarmherzig, will nicht versöhnlich sein, will keine Brücken bauen. Der Titel mag letztlich sarkastisch klingen, der Inhalt ist es nicht. Hier werden Beats durch alte Industrieanlagen gejagt, vom inneren und äußeren Zerfall genährt, bis zur physischen und psychischen Erschöpfung gepeitscht. Orientierungslos lässt diese EP den Hörer (oder die Hörerin) zurück, dabei kickt „Bad Wires“ noch fast optimistisch, auch wenn dort bereits der nervöse Grundton spürbar ist, der alle Tracks wie ein roter Faden durchzieht. Gerade „Cherry Eye“ mit seinen dumpfen U-Boot-Geräuschen und einer unheilvollen Ästhetik nährt dann den Umstand, dass sich hier der Techno den düstersten Gefilden anvertraut, die je ein Mensch betreten hat.  (mw)

 VÖ: CD 09.12.2011 | Vinyl + Download bereits erschienen

Anspieltipps

Dark Details, CD1 #2
Link:

Posers, CD2 #2
Link:

Intermittent, CD1 #4
Link:

Dark Details, CD1 #5
Link:

Bad Wires, CD2 #3
Link:

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