Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2004

Albumcover

Anajo
Nah Bei Mir

Anajo ist wie „Ed von Schleck“: irgendwie ziemlich pervers aber doch ganz geil.

Nicht nur die klassischste aller eisgewordenen Formen, klischeebehaftet und doch heißgeliebt, lässt Freude darüber aufkommen, dass es nicht immer der ultimativen Innovation bedarf (mal ehrlich Langnese: diese Solero Shots sind doof, und namensgeberisch wart ihr auch schon mal...ääh...kreativer...siehe Flutschfinger und Brauner Bär), um ganz weit vorne zu sein. Schließlich geht es hier um mehr als nur den kurzwährenden Moment, wenn der standartkombinierte Vanille-Erdbeer-Schmodder genüsslich aus den verschmatzen Mundwinkeln rinnt und eine süß-klebrige Glasur zurücklässt. Totaler Sommer -auch ohne Blitz und Donner.

Genau wie bei Anajo. Die klassische Dreierbesetzung aus Augsburg zeigt, dass gut gemachter Pop immer noch seine Daseinsberechtigung hat und darüber hinaus. Leicht und eingängig schichten sich die glücklich-verklärten Melodien, patrouillieren die farbenfrohen Sounds, dass man glaubt, man hätte sie schon einmal irgendwo anders gehört. Was einem, wenn dem denn so wäre, oft genug auch egal sein kann. Trotz halber Lautstärke doppelt Spaß. Die Gitarren trollen sich ein bisschen in den Hintergrund, das Schlagzeug loppt auf „Dur“, treuherzige Beats kullern aus der Tupperdose und das trashige Keyboard darf auch mal ran. Durchgängig wird der Popschmock kandiert von Sänger Oliver Gottwalds umschlungener Schärpe aus sehr individueller Dringlichkeit. Alles ist haargenau strukturiert, von positiv-klebriger Strahlkraft und die Gitarrensoli knapp bemessen. Aber gut!

Pervers offensiv und -sichtlich plätschernde, zuckersüße Friedlichkeit, die aber keinesfalls als naiv und oberflächlich abgetan werden darf, vielmehr im positivsten Sinne "nett" ist. Wie zum Beweis dafür lassen sie gleich tonnenweise Melodien niederprasseln, dass selbst den dauerlutschenden Langnese-Sommercampbewohner der Ed in der Hand geschmolzen wäre. Du suchst Ohrwürmer? Hier ist der ultimative Besteckkasten dazu!

Schon der wohlbekannte Opener „Vorhang Auf“ zeigt trotz Tapete Records-Logo, dass hier nicht mit mystischen Grübeleien und melancholischer Jungsbefindlichkeit zu rechnen ist. Subtile Nachdenklichkeitspopper müssen dieses Mal draußen warten.
Es sind die Kardinalthemen des Gitarrenpop, die unter einem Brennglas wie Eis in der Sonne zu verschmilzen scheinen. Schließlich ist „Nah bei mir“ quasi das Best Of des bisherigen Anajo-Schaffens. Drei Demos wurden bisher im Alleingang aufgenommen, Songs auf diversen EPs und Samplern veröffentlicht (u.a. „Monika Tanzband“ auf dem phänomenalen 2. Pitti Platsch 3000-Sampler) und nun für das Debütalbum noch einmal kräftig abgestaubt. Euphorisch und optimistisch.

Hochresistente Ohrwürmer wirbeln, flehen, feuern und schwelgen gleichermaßen im Sekundentakt, bevor ein Crescendo guter Laune sich in die Fältchen legt. Da wird Josef Matula in „Ich hol dich hier raus“ zur Fahndung ausgeschrieben, tröstliche Hommagen an Vergangenes gerichtet und graue Vorstädte bebildert. Es geht um das eigene Leben.
Das „Erste Richtige Liebeslied“ scheint auf den ersten Blick ein XXL-Magnum an Klischees zu sein und ist doch genau das entlarvende Gegenteil. Und auch die luxuriöse „Villa Am Strand“ ist trotz Sonnenuntergangsdramatik doch nur 2. Wahl.

Anajo schaffen es auffallend ehrliche, einfache, aber niemals beliebige Texte über die Liebe, Sehnsucht und dem ganzen Zeug das Mädchen wichtig ist zu schreiben. Alles streng in schillernd-kolorierte Harmonien im Indie-Kontext verpackt - mit ausladendem Panoramablick gen Mainstream und obligatorisch gesteigertem Niedlichkeitsfaktor.

Vierzehn luftige Tracks, die trotz mancher skiptastenwerten Unerheblichkeiten mit frischen Harmonien und fruchtigen deutschen Texten auf der Zunge zerlaufen – auch ganz ohne kultigem Schieber. Noch jemand Lust auf´n Eis?
(Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: www.anajo.de,
Label: www.tapeterecords.de

Anspieltipps

  • Vorhang Auf, Track 1
  • Ich hol dich hier raus, Track 4
  • Monika Tanzband, Track 6
  • Mein erstes richtiges Liebeslied, Track 9
  • Zähme den wilden Tiger in mir, Track 13

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