Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 01/2011

Albumcover

Air Waves
Dungeon Dots

Dieser Winter ist kalt. Aber nicht nur das - er ist auch grau, rutschig und Schneereich und der kälteste Winter in Deutschland seit mindestens 300 Jahren. Bei einer solchen Jahreszeit, die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht, mal das ein oder andere Stimmungstief zu haben, sollte jedem bekannt sein. An solchen Tagen fühlt man sich nicht nur leer, nutzlos und leicht bekleidet – trotz der vier Schichten Wollpullover- nein, an solchen Tagen kommt auch immer das eine zum anderen: Man trinkt morgens abgelaufene Milch, rutscht aus, verpasst den ausgefallenen Bus und wird dann auch noch von dem nörgelnden Opa grundlos angemeckert. An solchen Tagen möchte man wirklich nicht anderes als einfach die Decke über den Kopf ziehen und versuchen zu verschwinden.

Doch dann gibt es da diesen einen Moment, an den man nicht mehr geglaubt hat. Man wird angelächelt und das völlig ohne Grund. Man weiß nicht wieso. Auf einmal dreht sich der ganze Tage zum Guten, alles wird wunderbar. Und das alles nur, weil man das Radio etwas lauter gedreht hat. Die Einfrau-Band Air Waves aus Brooklyn lächelt uns mit ihrer Musik mitten ins in die Ohren. Die Stimmung ist besänftigt, der Klang jederzeit freundlich und warm – wie der nette Student, der der Oma über die Straße hilft oder die Freundin, die einen an einem schlechten Tag einfach in Ruhe lässt. 

Das Album „Dungeon Dots“ erschien in den USA bereits Ende November bei Underwater People Records und klingt nach einem Sammelsurium der angesagtesten Bands 2010. Laute Basslinien, verhuschte, unverzerrte Gitarren, ätherischer Singsang und viele instrumentale Stellen, bevor die extrakurzen Songs dann schneller zu Ende sind, als man merkt. Der Text tritt etwas in den Hintergrund, allein die Stimmung steht im Mittelpunkt. Die Musik ist und bleibt nebulös und etwas zieht wirkungslos vorbei, weil es nicht auffallen will. Es ist einfach da. Trotzdem ist „Dungeon Dots“ es ein Album, was man beachten sollte. Es wird vielleicht nicht als Meilenstein in die Musikgeschichte eingehen, aber es lässt einen mitwippen, mitschwelgen und strahlt eine innere Ruhe und Zufriedenheit aus. Die Musik ist ein bisschen so, als wenn man mit Freunden schweigt.

Man könnte dem Album vorwerfen, es klinge etwas monoton und gelangweilt. Letztlich könnten die zehn Song sogar einen einzigen Track darstellen. Aber dann gibt es da immer diese besonderen Momente. Wenn auf einmal die Gitarren noch freundlicher gucken und sich eine Miniaturmelodie in den Vordergrund trollt. Die zarte und klare (und etwas dünnliche) Stimme der Sängerin Nicole Schneits torkelt zwischen Bass und singt dabei „I take my time – it´s all the same“. Zeitlosigkeit und Optimismus in Zeiten der Schnelllebigkeit, die wir uns für das neue Jahr nur wünschen können. „I’m alive for the first time“, singt sie auf „Knock Out“. Song für Song kann man mitwippen, tanzen oder einfach auf dem Sofa liegen bleiben und sich berieseln lassen. Freundlich und zuckersüß kommen die Songs daher. Klar dass da auch der kostenlos verteile Opener „Knock Out“, der auch die erste Singleauskopplung des Albums ist, da keine Ausnahme stellt. „Force Fed“ fängt hitverdächtig an, singt sich dann auf die schiefe Bahn und reiht sich dann zwischen all dem ein, was es an Indie schon gibt. Überhaupt klingt diese Platte schon beim ersten Hören vertraut, was natürlich auch mit den scheppernden Drums und den bunten Oh’s und Ah’s zu tun haben könnte, die bereits über Jahre präsent sind. „Dungeon Dots“ ist ein Album, das es hinbekommt Melancholie herzustellen, bei der man frei ist zu tanzen.

Und dann wäre da noch der Vergleich mit den Kaugummis. Ja die Rede ist von „Airwaves“ – den Kaugummis, die in den verschieden bunten Farben immer so schön an jeder Supermarktkasse liegen. Die, die praktisch klein sind. In der Bio-Szene munkelt man, dass sie gefährlich seien. Ob Air Waves nun in irgendeinem Sinne gefährlich sind, ist nicht zu vermuten, schließlich steckt hier eine Großpackung natürlicher Bandsound drin. Ohne zusätzliche Geschmacksstoffe. Wenn aber jemand behauptet, dass das sich das Album wie Kaugummi zieht, dann liegt er nicht unbedingt falsch, sollte aber korrigiert werden: „Dungeon Dots“ zieht sich wie es frisches Kaugummi gerade nach dem Knack; es zieht sich wie ein Kaugummi, weil es nicht reißt, weil es in sich so stimmig ist. Der Geschmack? Irgendetwas zwischen Frucht und Bitterkeit. (Katharina Lange, Radio Q)

VÖ: bereits erschienen

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Anspieltipps

Knock Out, #1
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Waters, #9
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Force Fed, #4
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Sweetness, #6
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Ride, #2
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Archiv aller Silberlinge

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