Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 50/2004

Albumcover

Adom
Idiot Savant

Vergebens sucht man in ihrer Musik Heiterkeit oder wenigstens lockere Belanglosigkeit: Adom sind musikalisch im Dunkeln zu Hause, sonst aber ordentliche Witzbolde. Das bewiesen Conal Byrne (Vocals/Keyboard/Akustische Gitarre), Bert Genovese (Bass), Chris Insley (Stromgitarren) und Andrew Freni (Drums und Percussion) schon bevor die Musikwelt überhaupt ihr Werk beurteilen konnte: In Atlanta, Georgia, USA - Ort ihrer Gründung - nutzten sie den Schutz der Nacht, um Elton Johns Tennisplatz (sic!) mit ihrem Band-Namen zu verschönern. Der zeigte sich trotz dieses Anschlags überraschenderweise interessiert und stellte den vier Schelmen sein Studio zur Verfügung, wo Chris Cornell an den Reglern saß, um das Demo aufzunehmen. Vorbei an Major-Angeboten landeten Adom dann bei Storm Music in Manchester im Vereinigten Königreich. Anscheinend hat es Manchester den vier Jungs dermaßen angetan, dass sie gleich dorthin gezogen sind. Ein bemerkenswerter Zug, gehen doch die Bands von der Insel normalerweise den umgekehrten Weg, ergo von UK nach LA oder sonstwo.

In England wurde die Platte bereits 2003 veröffentlicht (siehe Booklet). Warum sie dem Europäischen Kontinent so lange vorenthalten wurde, vermag niemand zu sagen. Die ersten Geräuschfetzen von "God´s Busy In The Back Room" dringen an das Ohr des Popkultur-sozialisierten Hörers und schon sind die Fronten geklärt: Die Kopfstimme, die angezerrten Gitarren, die Keyboard- und Synthie-Sounds – Achtung Baby! Man merkt dem Erstling von Adom durchaus an, wessen Eltern Kind er ist. Wer aber jetzt den Fehler macht und wegen diesem ungenierten Bekenntnis zu U2 – etwas subtiler auch Velvet Underground, Coldplay und Radioheads „Pablo Honey“ – der Scheibe den Stempel „hundertfach gehört“ aufdrückt und sie aus seinem Abspielgerät verbannt, verpasst was. Denn Adom orientieren sich auf „Idiot Savant“ in ihrem Songwriting vielleicht an diesen Größen, ein Plagiat ist die Platte dennoch nicht, eher kunstvolle Verhüllung im Stile von Christo. Bei ihm wusste man doch auch, dass hinter dem ganzen Stoff der Reichstag steckt, oder?

Die erste Single „Mary“ ist ein Beispiel dafür: Die Melodie von Conal Byrnes theatralisch angehauchter Stimme kokettiert mit Altbekanntem von U2, die Synthesizer wabern umher, aber der Sixties Beat, den Drummer Andrew Freni im Refrain aus seinen Fellen und Becken holt, reißt alles wieder ein. Die Grundstimmung des Albums ist morbide-düster, es geht um physische und psychische Schnittwunden, Verzweiflung, Schuld und Hass. Neben „Mary“, „A Cut Cocoon“ und „Concrete Beach“ sticht vor allem der namensgebende Track „Idiot Savant (A Hate Song)“ hervor.

Adom verpacken das alles in gefällige bis zersplitterte ‚Walls of Sounds‘ (Vorsicht versteckter Hinweis!). „Plastic“ ist so ein Song mit Pink Floyd-Beigeschmack: Wendungsreich oszillierend zwischen düsteren und gläsernen Keyboard-Klängen in den Strophen, die wie ein filigranes Mosaik dem geradlinigen Chorus gegenüberstehen. Gegen Ende wird die LP stärker, prägnanter. Vor allem die Wiederentdeckung des Walzers hat mich beeindruckt. In „Supermarket Surgery“ wird das in einer Zäsur in der Bridge vorbereitet und in „Waltz For An Insomniac“ vollendet.

Die Songwriting-Qualitäten von Adom kommen immer dann voll zum Tragen, wenn sie nicht zu nah an ihren Vorbildern agieren und abseits der bewanderten Pfade ihre düsteren Harmonien entfalten. Die minimalistische Bassline in „Waltz For An Insomniac“, die Flageoletts der Gitarren und die traditionelle Rhythmik zeigen, dass die eingangs erwähnte Nähe zu den großen Gitarrenpop- und Rock-Bands doch nur streckenweise und schemenhaft vorhanden ist. Hoffen wir, dass wir von dieser Band künftig mehr haben werden, als zerstörte Tennisplätze. (Christian Erll, Radio Q)

Artist: www.adom.org, Label: www.storm-music.com

Anspieltipps

  • Mary, Track 3
  • Plastic, Track 2
  • Idiot Savant (A Hate Song), Track 4
  • Supermarket Surgery, Track 10
  • Last Mile, Track 7

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