Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche KW18/2012

Albumcover

Actress
R.I.P.

Willkommen im Jetzt! „R.I.P.“ klingt wie das Ankommen in der Gegenwart, das Eintreten der Zukunft, wie wir sie uns vor Jahren vorgestellt haben mit all ihrem technischen Wahnsinn, ultraschnellen Innovationszyklen und dem Aufheben aller analogen Gravitation. Nach den Erkundungen entlang der Grenzen des Tanzbaren auf den beiden Vorgängeralben wagt Actress nun ein frühes Resümee des digitalen Zeitalters.

Wo Actress noch mit seinen beiden letzten Veröffentlichungen, „Hazyville“ und „Splazsh“, der Geschichte von Detroit House und Techno nachspürte und einen ganz eigenen, detaillierten und subtilen Ansatz entwickelte, tritt er nun mit dem Erforschen von digitalen Räumlichkeiten einen großen Schritt zur Seite. Er nutzt den neugewonnenen Freiraum zum Experimentieren. "R.I.P." gerät so minimalistischer, kühler und abstrakter denn je zuvor.

Seine mikroskopische Klangbeobachtungen bündelt er in Tracks, die oftmals fragmentarisch offen und auf eine gewisse Art unfertig wirken. Es wäre vermessen, diese Skizzen als Songs im herkömmlichen Sinne zu charakterisieren. Sie bestehen zumeist aus einer scheinbar willkürlichen Reihung miniaturener Rave-Tracks und poröser Experimente: Digitale Schwebeteilchen für moderne Tanztheater und Medienkunst-Ausstellungen, Electronic Scores für Handy-Werbung und dem pochenden Treiben in den Klubs.  Es sind kleine digitale Bröckchen, die einen steten Wandel in ihren Aggregatszuständen durchleben. Mal sind sie schwermütig-flüssig, dann ätherisch-luftig, was „R.I.P.“ als Suite unterschiedlicher Atmosphären mit ganz eigener Anziehungskraft erscheinen lässt.

Der erste Eindruck mag dabei noch durch monochrome Nüchternheit geprägt sein, die Songs sind es jedoch nicht. Auf „Serpent“ zwitschern ein paar digitale Vögel und singt eine Geige, bevor der Track sich erst in seinen eigenen Rhythmen verkantet,  sukzessive beschleunigt und dann auseinanderzufallen droht. „Jardin“ hingegen besticht durch Zerbrechlichkeit und niedlich zerstäubte Klirr-Irritationen, denen der der stotternde Shuffle des superschüchternen Pseudotechnos von „Raven“ folgt. Die Stimmung kippt, manchmal reichen dafür sogar minimale Verschiebungen in den Nuancen. Vieles wirkt verwischt und verschwommen wie beim wundervollen Ambienttitel „N.E.W.“.

Tracks und Interludes wechseln sich ab, ebenso träumerische Tiefen und glatte Oberflächen. Auf den Tanzflur wird sich dabei nur zeitweise gewagt: „IWAAD“ schließt mit stroboskopartigem Ravefaktor die Platte ab, „The Lord’s Graffiti“ ist vermeintlich gradliniger Techno, wirkt aber in seinen komplexen Verflechtungen ebenso irritierend taktil wie das leiernde „Marble Plexus“. Auf den Tanzflur wird sich nur zeitweise gewagt: „IWAAD“ schließt mit stroboskopartigem Ravefaktor die Platte ab, „The Lord’s Graffiti“ ist vermeintlich gradliniger Techno, wirkt aber in seinen komplexen Verflechtungen ebenso irritierend taktil wie das leiernde „Marble Plexus“. Actress‘ Liebe zum Widersprüchlichen findet in  „Shadow From Tartarus“ seinen konsequenten Ausdruck, das mit brummig-brachialen Bassbeats gebrochen wird, ohne in Kollaps und Destruktion zu verfallen: Der Lärm muss draußen bleiben.

Während viele Künstler versuchen, die digitale Herkunft ihrer Musik zu verschleiern, legt Actress genau dies mit Nachdruck offen. Konzept und Klang verwischen, es geht immer auch um die Reflexion des eigenen Tuns: Die Abstraktion, die Minimierung oder Maximierung von (Audio-)Informationen, das Hörbarmachen von Datenströmen, Digitalisierung, knackender Relais und fortgeschrittener Computertechnologie. Vieles wirkt nüchtern, fast entmenschlicht. Zwar verweisen trügerischerweise die Songnamen (rund um das Thema „Tod und Religion“) zurück auf das menschliche Individuum, dem wird jedoch auf „R.I.P.“ genüsslich die Luft zum Atmen genommen, bis die Kühle der Einsen und Nullen spürbar wird.

Die Rezeption der Musikpresse ist einhellig positiv, nahezu euphorisch. Vielseitigere und neugierigere Digitalmusik hat man lange nicht gehört. Nichtsdestotrotz leidet das Album etwas unter seinem intellektuellen Überbau und der Kopflastigkeit, wirkt bisweilen halt- und ortlos. Einzig das Burial-artig verregnete „Caves Of Paradise“ sticht etwas heraus, der Rest ist vor allem Album für Nerds und Angeber. Nicht immer ist dabei die Reihung schlüssig, oftmals scheint das Album der fünfzehn Tracks seltsam innerlich zerrissen - wie in Förmchen gepresste und einmal durch die Luft geschleuderte kleine Teilchen. Dass Actress sich dabei aber eine ganz eigene und sehr spannende Sphäre der elektronischen Musik eröffnet, bleibt unbestritten, auch wenn letztlich eine gänzlich wiedererkennbare Handschrift fehlt. Er gibt eben der widerspenstigen Gesichtslosigkeit des Digitalen ein Gesicht. (mw/eldoradio*)

VÖ: 23.04.

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Anspieltipps

Holy Water, #3
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Shadows From Tartarus, #8
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Marble Plexus, #4
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Caves Of Paradise, #12
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N.E.W., #14
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