Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 02/2013

Albumcover

A$AP Rocky
LongLiveA$AP

Eigentlich hätte A$AP Rockys Debüt längst die Bestenlisten für 2012 aufwirbeln und das Jahr so umso deutlicher als eines des Hip-Hops etikettieren können. Sechs Monate nach ursprünglich geplantem VÖ-Termin ebnet der Harlemer Goldjunge nun die letzten Unregelmäßigkeiten auf seinem Weg zum Ruhm: „LongLiveA$AP“ ist tongewordene Kohärenz mit einem Interpreten, der unverhohlen das unter den Strich schreibt, was nur ein solch lebendes Klischee zu vermitteln vermag: lässige Selbstverständlichkeit.

RCA hat sich nicht lumpen lassen. Drei Millionen stecken nun ohnehin schon im Hoffnungsschimmer mit dem prätentiösen Dollarzeichen im Namen. Und circa tausend Kollaborateure beweisen: Zu viel ist nie genug. Die Stimmen von Kendrick Lamar, Schoolboy Q und Santigold bewahren „LongLiveA$AP“ vor Längen, mehr als ein Dutzend Produzenten, darunter his „nigga Skrillex“, kreieren schier unendlichen Facettenreichtum, der so ziemlich alle derzeit gängigen Hip-Hop- und artverwandte Trends zusammenfasst. Was scheinbar A$APs Unsicherheit ob seines eigenen Talentes enttarnt, ist in Wahrheit sein klügster Schachzug: Auf „LongLiveA$AP“ schlüpft er im Vordergrund in die Rolle des Kurators und entwirft damit ein visionäres Bild vom Künstler der Zukunft, der auch außerhalb des „featuring“-geprägten Genres des Hip-Hops funktionieren könnte. Big Boi hatte Ende letzten Jahres Ähnliches versucht (A$AP trat selbst als Gast auf). Während seine unterschiedlichen Akteure sein Werk in Stilstücke zerbröckeln ließen, führt A$AP Rocky harmonisch zusammen, was auf dem Papier schwer vorstellbar bleibt: In „Wild For The Night“ dressiert er Skrillex’ sirenenartige Synthies, rappt leichtfüßig über den Offbeat. Verhalten rückt er seine Vocals neben Santigolds Refrain auf „Hell“ in den hallenden Hintergrund, während sich Clams Casinos tranciger Soundteppich den dumpfen Beats unterordnet. Besser ließen sich Schwächen kaum kaschieren.

Die musikalisch immer etwas düstere Herrlichkeit verleitet viel zu sehr, über die Arroganz der Texte hinwegzusehen. Im Refrain des sphärischen Titeltracks verabschiedet sich A$AP auf weichen Gitarren singend ins unsterbliche Heldentum „Who said you can’t live forever, of course, I’m living forever“. Das catchy „Fuckin’ Problems“ (mit Drake, Kendrick Lamar, 2 Chainz) avanciert in den USA bereits zurecht zur Hitsingle. Letztlich hält A$AP Rocky mit seiner fast schon unverschämt entspannten Rap-Haltung die Fäden des Albums zusammen. Sie ist, was nachklingt in ihrer feinen Art, die immer noch edgy genug ist, um ihn als das zu präsentieren, was er ist und sein will: ein frecher, unantastbarer Badboy, der über den Dingen schwebt.

Leicht nachvollziehbar wird diese Attitüde mit Blick auf seine Klischee-Biografie. Denn auch wenn in Zeiten, in denen in den USA die Mittelschicht langsam auszusterben droht, die Geschichte vom Amerikanischen Traum immer ferner rückt: A$AP Rockys Auftritt auf der Bildfläche bietet eine eingängige Erinnerung: Als Rakim Mayer wird er in Harlem geboren, wird nach einem New Yorker MC benannt. Als er zwölf ist, muss sein Vater wegen Drogenhandels in den Knast, als er 13 ist, wird sein Bruder vor der Haustür erschossen, er beginnt, das Rappen ernster zu nehmen. Dann der Millionendeal mit RCA. 2012 schließlich der offizielle Aufstieg zum Gangster, kann er nicht beim Pitchfork-Music-Festival auftreten, weil er am Abend zuvor im Gefängnis landet: Körperverletzung, vielleicht unter Einfluss illegaler Drogen.

Die Homophobie ist ihm zwar inzwischen aberzogen, aber selbst das klingt in vielen Aussagen eher weniger, als käme es aus einer tiefen inneren Überzeugung heraus: "Hip-Hop braucht jetzt keine schwulen Rapper oder so was, aber sie müssen aufhören, so verschlossen zu sein, denn das zwingt das Genre einfach nur zum Scheitern. Schau dir Pop an, Pop diskriminiert auch keine Leute.“ All das, was ihn so ganz offensichtlich zum Unsympath macht, lächelt Rakim Mayer verschmitzt mit seinen grillz-golden glitzernden Zähnen weg. Als sei er sich sicher, dass seine so stimmig gewölbten Beats unter jede noch so weiße Haut dringen werden. Und diesbezüglich irrt er wohl nicht. (Natalie Klinger, eldoradio*)

Anspieltipps

Hell, #5
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Long Live A$AP, #1
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Fuckin’ Problems, #7
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Wild Night, #8
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Goldie, #2
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