Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 8/2018

Albumcover

Ought
Room Inside the World

Die Kanadier von Ought können getrost als Musterschüler des Post-Punks bezeichnet werden. Nach zwei starken Alben, die die Flexibilität und Kreativität der Band eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, sind die Erwartungen an Room Inside the World natürlich recht hoch. Ob die hier präsentierte Musik noch wirklich als Post-Punk bezeichnet werden kann, ist eine andere Frage.

Dass Ought schon immer einen Hang zu ausschweifenden Songpassagen hatten, bewiesen sie bereits auf ihrem Debütalbum More Than Any Other Day. Ihre zweite Platte Sun Coming Down zeigte dann erst recht die Wandelbarkeit der Band, die mit einem wilderen, roheren Sound aufbegehrte, ohne die Grundbausteine des ersten Albums über Bord zu werfen. Vor allem wurde deutlich: Alben von Ought erschließen sich nicht direkt beim ersten Hördurchgang, dafür sind die angewandten Songmuster zu überbordend.

Eines der Unterscheidungsmerkmale dieser Band war und ist dabei ihr Sänger Tim Darcy. Im letzten Jahr noch solo unterwegs, hatte Darcy schon immer einen Hang zu einer Theatralik, die sich zwischen David Byrne und einem Champagnertrinkenden Schnösel bewegte. Auf Room Inside the World treibt er dieses Spiel auf die Spitze. Darcy legt eine Menge Pathos in seine Performance und experimentiert immer wieder mit seiner Stimme. Seine Band legt dafür die passenden Grundlagen, gerade Bass und Schlagzeug geben Darcys Stimme genug Freiraum, sodass diese fast schon über den Songs schwebt und eine gewisse Autorität ausstrahlt.

Als Paradebeispiel für die Hinwendung zu noch mehr Theatralik steht Desire im Mittelpunkt des Albums. Darcy trägt diesen Song nicht nur stimmlich, sondern beweist vor allem in der ersten Hälfte textlichen Witz: „The feel of your honey in the corner of my mouth/[…] Now we pause the tape for some laughter“. Die Melodramatik wird dem Publikum hier mit einem Augenzwinkern vorgetragen und wirkt auch deshalb so ehrlich. Und auch im Outro sparen Ought nicht mit Drama, wenn sich zu Darcys Gesang noch Gospelchor und Saxophon gesellen und das innere Auge schon den Liebesfilm-Abspann imaginiert. Das ist ganz großes Kino, nicht nur im metaphorischen Sinne.

Und Desire zeigt auch: Ought haben sich noch ein Stück mehr wegbewegt vom Post-Punk Label. Der new-wavige Hit These 3 Things wie auch das vertrackte Disaffectation tanzen in der Hinsicht wortwörtlich aus der Reihe. Ansonsten nimmt sich die Band Zeit, experimentiert mit softeren Arrangements und anschwellenden Songstrukturen, die den kathartischen Ausbruch zum Ziel haben. Das klappt fast immer, nur Brief Shield verläuft ein bisschen ins Nichts und das sich auflösende Outro von Alice wirkt ein wenig zu gewollt.   

Ob das nun alles Post-Punk, Art Rock oder ganz einfach Rock ist, ist eigentlich auch egal, wenn das Ergebnis dasselbe bleibt. Ought schaffen einmal mehr den Spagat, an dem Bands immer wieder scheitern: etwas Neues zu erschaffen und dabei den eigenen Sound nicht völlig aus dem Fenster zu schmeißen. Die Songs auf Room Inside the World brauchen teilweise ein wenig Zeit zum Zünden, bleiben deshalb aber auch länger im Gedächtnis. Ob Ought auch dieses Jahr als Klassenbeste bestehen werden, wird sich noch zeigen. Die Grundlagen sind aber schon einmal gelegt.

(Pierre Rosinsky, CT das radio)

 

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