Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 18/2011

Albumcover

13 & God
Own Your Ghost

Es war eine waghalsige Fusion, vor über sechs Jahren, als sich die bayrischen Notwist mit den amerikanischen Themselves zusammengetan und ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlicht haben. Da kam das Beste aus zwei grundauf verschiedenen Welten zusammen: zum einen die nerdigen Indie-Helden aus der bayrischen Provinz, die US-Autoren so beeindruckt hatten, dass diese unvergessen fragten, ob Weilheim "the new Seattle" sei, zum anderen die ambitioniertesten Kräfte aus dem US-Rap-Untergrund. Die Kritiken überschlugen sich erwartungsgemäß vor Begeisterung, jedoch hatten sie dem neugeborenen Projekt 13 & God scheinbar nicht den Anstoß gegeben, da weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. Zumindest nicht direkt.

Bis Anno 2011 ist also genug Zeit verstrichen, um mit dem Blick in den Spiegel vielleicht die ein oder andere Falte entdeckt zu haben, das Zurückweichen des Haares zu erleben, wenn es nicht sogar an manchen Stellen die Farbe hin zu den Graustufen eingeschlagen hat. Wir werden nicht jünger, nur älter - Zeit dafür, sich mehr Gedanken über das Ableben zu machen, anstatt verzweifelte Versuche zu unternehmen, die eigene Vorstellung von Jugend zu erhalten. Und natürlich der Vermeidung des Unvermeidlichen: Wir werden alle sterben. Aber: Hurra, jetzt leben wir. Und so kommen auch 13 & God daher mit ihrer ersten Single von ihrem neuen Album "Own Your Ghost" an: "Old Age" ist beschwingt und texttraurig, es tanzt und vertieft sich in der melancholischen Stimme von Notwist-Sänger Markus Acher. Und da liegt auch schon die vermeintliche Fehleinschätzung, denn dieser Track - isoliert gehört - vermag den Eindruck erwecken, dass es sich um eine Kooperation von Themselves und The Notwist handelt, bei der Letztere ihren Stil verstärkt durchsetzen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Projekt um eine Symbiose, die so nahtlos funktioniert und an vielen Stellen organisch wirkt.
 
So beginnt das Album wieder in dem typischen, allseits bekannten Notwist-Gestus: eine leicht jaulige (aber schöne!) Stimme, Gitarrenambiente und Synthesizer-Klänge ergeben in ihrer Summe ein schönes, harmonisches und nachdenkliches Bild. Bereits in diesem ersten Bild wird das Thema der Platte verwackelt festgehalten: das Altern.
Es wird rauer, Stimmen treten aus dem Hintergrund leicht nach vorne, die Spuren verdichten sich und alles löst sich wieder auf, um notwendigerweise auch die markanten Punkte der Verschmelzung zweier Bands aufzuzeichnen und Doseone von Themselves bei "Death Major" Wörter in nahezu bedrohlicher Gebärde anschlagen zu lassen. Die Thematisierung von Tod und Sterben fällt eben nicht nur in den pop-melancholischen Parts aus, es wird dynamischer, es zelebriert einen Bann, in den der Mensch hinein gesogen und mit der Auflösung der Schwerkraft des Songs in einem Nichts wieder stehen gelassen wird.
 
Die Zusammenarbeit dieser beiden sehr verschiedenen Bands zeigt sich im Laufe des Albums immer produktiver, als wäre es das sinnvollste Konzept überhaupt. Melancholie überlagert sich mit schnellen Texten, kleine Backgroundchöre rufen dort immer wieder hinein, während es hier hoch frickelt, Zäsuren einen den Atem anhalten lassen und immer wieder die Bässe ihr übriges tun. Eine konspirative Zusammenarbeit, wenn Markus Acher bei "Janu Are" immer wieder refrainartig seinen Vers aufgreift "When low temperature speaks, speaks only ending to you", und noch bevor sich Themselves mit ihren Rapparts melden, verdüstern verdichtete Shouts die Atmosphäre. Unaufgeregt aufregend verhält sich der Track, bis sich am Ende ein durchgehendes Zirpen einschlägt und sich die Hälfte des symbolschwangeren Bandnamens schrill-schreiend ankündigt: Thirteen and. Die zwölf Apostel, Jesus dazu, also 13 Sterbliche und Gott, welcher aber auch wiederum in diesen dreizehn Personen mit inbegriffen ist. Ein mächtiges Bild. Eine Armee. Ein mächtiges Bandprojekt?
 
Immer wieder gibt das unebene Soundbett Gelegenheit, sich in dem Albumfluss einzuordnen. Immer wieder wird mal mehr Bedeutung in die Texte gegeben, in die Atmosphäre, das Ambiente dieser betrübt-beschwingten, aber vor allem drivigen Genremischung. "She's dead. Dust collects" flüstert es nachdenklich und leise in "Sure as debt" und plötzlich kippt der Track um in eine beatige Gegend from outta space. In der Geschwindigkeit von Doseones Worten verfliegt der Staub des Sterbens und überlässt uns leicht mitschwofend an den Boxen, im Hier und Jetzt der Melancholie: "It's only a beat on us" kommt es wieder von Markus Acher und zum Ende der Platte hin bleibt der Gedanke, dass "Own Your Ghost", dieses gemeinsame Projekt von Themselves und The Notwist, einer sehr lebendigen Kooperation entspricht, angereichert mit einer zentralen Todes-Thematik, zusammengehalten von Einflüssen des Psychedelic-Hiphop und noch mehr Elektronik.
 
Das klingt an vielen Stellen derart vielseitig, beunruhigend und beruhigend zugleich, dass die Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Sterben zwar keine Antworten gibt, aber zumindest zum Nachdenken anregt. Und wenn es dazu nicht angeregt hat, dann immerhin dazu, "Own Your Ghost" auf ein Neues zu hören. (Philipp Wolf, CT das radio)
 
Veröffentlichung: 13.05.
 
Links: Myspace | Label

Anspieltipps

Janu Are, #4
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Armoured Scarves, #3
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Unyoung, #10
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Old Age, #5
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Et Tu, #6
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