Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2017

Albumcover

Public Service Broadcasting
Every Valley

Ein Musikalbum und die Geschichte des walisischen Bergbaus passen nicht zusammen? Dieser Aussage würden Public Service Broadcasting wohl entschieden widersprechen. Die Londoner Gruppe mixt auf Every Valley nun schon zum dritten Mal Samples aus altem Propaganda-Material, Filmaufnahmen und Interviews mit hauptsächlich instrumentaler Musik. Mit dieser Mischung wollen sie auf moderne Weise über die Vergangenheit aufklären, sagen sie in einem Interview. Frühere Themen waren der zweite Weltkrieg und das Wettrennen um den ersten Mann auf dem Mond - und jetzt eben der Kohleabbau in Südwales. Das hört sich zwar so an, als würden Public Service Broadcasting mit diesem Album eher kleinere Brötchen backen, doch Bandgründer J. Willgoose ist der Meinung, dass man den Rückgang des Kohlebaus und damit die Arbeitslosigkeit vieler Bergleute auch in vielen anderen Industriesparten finden kann.

Die mit dem Thema verbundene Stimmung von Traurigkeit, Wut und Melancholie überwiegt auf Every Valley und spiegelt sich auch in dem in Grautönen gehaltenen Albumcover wider. Die Samples, die Public Broadcasting Service im British Film Institute gefunden haben, variieren dabei passend zum jeweiligen Songtitel und Unterthema. In Pit wird der Minenalltag beschrieben, unterstützt von treibenden Trommeln und düsteren Streichern. Trotzdem findet sich in den ersten Songs des Albums weiterhin die Hoffnung, dass dieser Industriezweig die Menschen noch lange mit Arbeit versorgen wird. People Will Always Need Coal beginnt mit einem fröhlichen Rekrutierungs-Jingle und der Sprecher des Samples verkündet optimistisch, es gäbe genügend Kohle in South Wales für die nächsten vierhundert Jahre.

Im entspannten und von melodiösen Synthesizern begleiteten Progress ruft die auf diesem Song gefeaturte Sängerin Tracyanne Campell: "I believe in progress." Hier glaubt man immer noch daran, dass Maschinen letztendlich Menschen brauchen, die mit ihnen arbeiten und sie überwachen, was auch zur Mischung aus regulären und computerveränderten Stimmen á la Daft Punk passt. Dieser Eindruck ändert sich in der zweiten Hälfte von Every Valley jedoch ziemlich bald, passend zur Geschichte des Minenbaus. Mit schnellen Drums und lauten Gitarren scheint sich in All Out die ganze Wut der Bergarbeiter zu entladen – zweifelsohne das energiegeladene Highlight des Albums. Nicht weniger düster ist Turn No More, bei dem zugunsten des eindringlichen Gesangs von James Dean Bradfield, der selber aus einer walisischen Bergbaustadt kommt, ganz auf Samples verzichtet wird.

Es wird deutlich, dass Public Service Broadcasting sehr um Authentizität bemüht sind. Am Ende des Albums haben sie sich für ein Cover des Folksongs Take Me Home sogar ein paar ehemalige Minenarbeiter des Beaufort Male Choir ins Boot geholt. Das ist vielleicht auch das Problem von Every Valley: Der hohe Anspruch des Albums führt dazu, dass sich besonders Nicht-Muttersprachler bis auf ein paar Songs sehr auf das Zuhören konzentrieren müssen, um der Message gerecht zu werden, die Public Service Broadcasting vermitteln wollen. Dabei bleibt letztendlich der Spaß des Zuhörens ein wenig auf der Strecke. Natürlich kann man mit Musik als Kunstform auch mal ernstere und politischere Themen vermitteln, dabei sollte man aber die Balance zwischen Anspruch und Unterhaltung finden. Daran müssen Public Service Broadcasting vielleicht noch etwas arbeiten. 

(Jacqueline Winkler, CampusFM) 

 

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Anspieltipps

  • Go To The Road #5
  • Progress #4
  • All Out #6
  • They Gave Me A Lamp #8
  • Turn No More #7

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