Konzertschau

Pop-Abo 2011: Miss Li und Dear Reader
3. Oktober 2011

 Ein fulminanter Start in die neue Pop Abo Saison gelang der international renommierten Band Dear Reader und Miss Li alias Linda Carlsson. Erstere Formation aus Johannesburg bestritt den ersten Teil des Abends im Dortmunder Konzerthaus – und passte perfekt in das Konzept des PopAbos: anspruchsvoll alternative Popmusik, die der Atmosphäre des opulenten Ambientes perfekt entsprach. Für Cherilyn MacNeil sind es die ersten Konzerte ohne Darryl Torr, die ersten Liveperformances ihres neuen Albums „Idealistic Animals“, welches im September erschien. Mittlerweile ist sie in Berlin wohnhaft geworden; ein Grund mehr, warum das Album die Fremdheit in einer vollkommen neuen Umgebung mitsamt der einhergehenden Phänomene der Selbstzweifel und Einsamkeit thematisiert. Von denen war jedoch kaum etwas zu spüren: die musikalisch perfekte Darbietung wurde von Cherilyns kontaktfreudigen Songan- und absagen perfekt ergänzt. Sie sei sehr froh, so die Multiinstrumentalistin, in so einem schicken Raum spielen zu dürfen, so etwas sei sie ja gar nicht gewöhnt. So charmant und bescheiden, war Cherilyn am Ende - trotz auffallend guter Deutschkenntnisse - nicht in der Lage, die „Zugabe“ Rufe als positive Publikumsreaktion zu deuten. Schon fast realitätsfern, denn das Publikum war begeistert und zeigte sich vor allem beim zentral positionierten Stück „Boohoo“, das gewaltig daherkam, äußerst mitgerissen. Neben den neuen Stücken war die Setlist auch mit einigen Stücken des Debüts garniert, ebenso mit der wunderbar melodisch eingängigen B-Seite „Heavy“ von der neuen Single „Great White Bear“, die prompt folgte. Nach dem vitalen Stampfer „Monkey“ - eine wundersame Fusion von Piano- als auch Streicherelementen“ - folgte die Zugabe „Traditional“, die einen gelungenen Abschluss des musikalisch äußerst ambitionierten Arrangements bildete. Begeisterungsströme, selbst als Cherilyn nochmal auf die Bühne des Saales tapste. Ein Missverständnis. Nein, keine Zugabe, sie winkt nur und packt ihr Akkordeon ein.

Miss Li aus Stockholm gestaltete mit ihrer Band den zweiten Teil des Abends - und das äußerst energisch. Das Konzerthaus, das mit ungefähr 500 Besuchern zwar nicht ausverkauft, aber gut gefüllt erschien, zeigte sich begeistert. Auf die so unbeschwert poppige, direkt aufeinander folgenden Nummern „Oh Boy“ und „Dancing the whole way home“ folgten weitere temporeiche Stücke, deren Struktur einem Teil des äußerst gemischten Publikums, vermutlich als ein wenig  repliziert erschien. Carlsson gönnte den Besuchern keine Verschnaufspause, animierte eher zum Mitklatschen. Mitunter gelang das der jungen, selbstsicher agierenden Schwedin sehr gut, lag der Fokus doch vor allem auch auf dem unheimlich versierten, musikalischen Können ihrer Band, die von ihr auch vorgestellt wurde. Improvisierte Pianoeinlagen und ausufernde Saxophonpassagen bewiesen die musikalische Raffinesse der Formation, die definitiv das Attribut „Live Band“ verdient. „Arrested“ vom neuen Album wurde technisch einwandfrei in die Länge gezogen und exemplifizierte, was die Musikpresse schon seit längerem munkelt: Miss Li braucht sich stimmlich keineswegs hinter einigen so frenetisch gefeierten Popgrößen zu verstecken. Die Frage ist nur, ob die Euphorie ihrer Musik und deren Live Umsetzung, ihre sechs Mann starke Truppe makellos in Perfektion beherrscht, doch locationabhängig ist. Zugegeben: auch kein simples Vorhaben, die rasanten Wellen der Mixtur aus Jazz, Blues und Chanson Pop in dem doch eher klassisch ausgelegtem Raum ganz freizusetzen. Am Ende stand zwar ein jeder und applaudierte, doch mitunter war nicht ganz klar konstatierbar, ob das nur der Fall war, weil die ersten stehenden Reihen die Sicht auf die engagiert mobile Frau Carlsson verdeckten, oder ob der Funke doch nicht ganz rübergesprungen ist. Insgesamt ein zweifelsohne gelungener Abend, der sich durch aufwendige Instrumentierung, Abwechslungsreichtum und Überraschungen auszeichnete.
 
(Philipp Kressmann)

Archiv aller Konzertberichte

radiobar