Konzertschau

Opernglas und stehende Ovationen: Agnes Obel im Konzerthaus Dortmund
23. Januar 2012

“Wir haben ein spezielles Set vorbereitet”, sagt Agnes Obel zu Beginn ihres Auftritts im Konzerthaus Dortmund am vergangenen Samstag. “Speziell” - damit liefert sie selbst wohl die treffendste Beschreibung für den gesamten Abend.

Nachdem ich im Vorfeld des Haldern Pop Festivals 2011 zum ersten Mal mit der Musik von Agnes Obel in Berührung gekommen war, hatte ich eine gewisse Erwartungshaltung an das Konzert. Ein komplett bestuhltes Konzerthaus ließ mich jedoch schon eine ungewohnte Kulisse erwarten. In dem imposanten Bau angekommen, dachte ich dann aber zunächst, ich wäre auf der falschen Veranstaltung gelandet. An der Bar des gut gefüllten Foyers servieren Kellner in Uniformen Rotwein für Juristen und Oberstudienräte in Jackett und Pullunder, die sich gegenseitig mit Küsschen links und Küsschen rechts begrüßten, bis 10 Minuten vor Beginn ein Gong zum Platz nehmen aufforderte. Potenzielle Besucher des Haldern Pop waren aufgrund von Äußerlichkeiten in der Masse nur spärlich zu vermuten.

Der Konzertsaal der Stadt Dortmund besticht durch zurückhaltende Eleganz und eine außergewöhnliche Akustik. Die Rückseite der Eintrittskarte macht allerdings auch darauf aufmerksam, dass durch die Akustik neben Handyklingeln auch Husten und Niesen lauter als normal erscheinen und man bitte Rücksicht nehmen möge. Die rund 15 Meter hohe Bühne war im Hintergrund mit schwarzem Vorhang verhüllt, vor dem nur ein Konzertflügel, ein Cello und eine Akustikgitarre standen.

Das Konzert selbst war große Unterhaltung. Agnes Obel, von der Berlinerin Anne Müller am Cello, an der Gitarre und gesanglich unterstützt, meistert das Grauzonenspiel zwischen klassischer und populärer Musik und harmoniert mit der Partnerin in Perfektion. Die schlichten Klavierklänge wurden besonders vom Cello wunderschön ergänzt. Musik für die schönsten Tagträume.

Das für mich in dieser Zusammensetzung ungewohnte Publikum war für ein ruhiges Konzert wie dieses sehr angenehm. In den Genuss absoluter Stille, die nur von wohlwollendem Applaus zwischen den Liedern unterbrochen wird, kommt man auf ruhigen Konzerten leider nur allzu selten. Ob ich die totale Zurückhaltung dauerhaft als angenehm oder doch als leidenschaftslos distanziert empfinden würde, traue ich mich bis jetzt nicht zu beurteilen. Denn auch ihre wohl bekanntesten Lieder wurden mit dem gleichen, höflichen Applaus honoriert wie unbekanntere Songs. Die frenetischste und außergewöhnlichste Reaktion meines Umfelds im Verlauf des gesamten Konzerts war die Nutzung eines Opernglases von einer Dame mittleren Alters in der Reihe vor mir - kein Kopfnicken, keine Emotion. Die dafür umso mehr in der Musik.

Nach genau 70 Minuten endet das reguläre Set von Agnes Obel und Anne Müller, das dann noch einmal um zwei Stücke in der Zugabe verlängert wird. Als sich das Duo zum zweiten Mal von der Bühne verabschiedet, erheben sich Teile des Publikums zu stehenden Ovationen. Ganz offensichtlich begeistert kommt das Duo noch einmal auf die Bühne und erklärt: “Wir haben leider alle Stücke gespielt, die wir spielen können. Aber wir kommen gerne mit neuem Material zurück nach Dortmund.”
Ein ungewöhnliches Ende für einen ungewöhnlichen Konzertabend.
 
(Stefan Zeppenfeld, Radio Q Münster)

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