Konzertschau

Wer auf Tournee geht, ist viel unterwegs. Und wenn dich eine Band interessiert, die demnächst auch bei dir in der Stadt zu Gast ist, dann kann es interessant sein, zu wissen wie Andere das Konzert erlebt haben. Vielleicht hast du auch ein Konzert verpasst und willst nachlesen wie es war oder vergleichen mit deinem eigenen Empfinden, wenn du selber dort warst. Die Erlebnisberichte mit Urteil – so subjektiv wie möglich!

Konzertschau

Jupiter Jones - Dortmund, FZW
23. Oktober 2009

"Um das hier zu verstehn", singen Jupiter Jones, "braucht es Hirne und Herzen von nie da gewesener Größe". Auch von starken Armen ist die Rede in "Und dann warten" vom neuen Album des Punkrock-Quartetts aus dem Saarland, "Holiday in Catatonia". Dieses Lied beschreibt den Anspruch jener Band, die die seltene Begabung besitzt, laut und leise spielen zu können.

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Jupiter Jones am 22.10.09 im fzw, Dortmund - Ganze Bildergalerie ansehen

Wie stark die Arme von Frontmann Nicholas Müller sind, ist schwer zu sagen. Dasselbe gilt für seine Rückenmuskulatur, obwohl er alles andere als gerade auf der Bühne steht. Denn der massige Junge mit der Gitarre steht nicht da wie ein nasser Sack, aus Lässig- oder Nachlässigkeit. Man möchte glauben, es ist Schmerz, der Müller beugt: Schmerz über zerbrochene Beziehungen, aufgegebene Freundschaften und das manchmal erbarmungslose Schicksal.

Das Patentrezept der Band für den Umgang damit? "Ich hab drüber nachgedacht / und dann die halbe Nacht geheult / und hin und wieder mal gelacht", so auf den Punkt gebracht in "Wir sind ja schließlich nicht Metallica". Und das Heulen ist kein Jammern oder Flennen, sondern mal ein entschlossenes Flüstern und mal ein wütendes Bellen. Empfindsamkeit muss sich auch mal brachial Bahn brechen können. Eine Marktlücke füllen zwischen der anstrengenden Kopfmusik à la Blumfeld und banalem Gute-Laune-Punk - so könnte man umschreiben, was Jupiter Jones machen, wenn es nicht beleidigend wäre.

Denn sie sind, was vielen Bands analog zum Erfolg abgeht - und viele andere niemals waren. Sie sind echt. Müller, dieser präsente Typ mit der Gitarre, der manche Silben singt wie Revolverheld oder Herbert Grönemeyer, ist wahrhaftig. In der musikalischen Auseinandersetzung verwandelt er die Niederlagen seines Lebens im Nachhinein in Siege. Denn wenn es nicht seine wären - kleine wie große - woran könnte dann noch glauben, wer Müller zuhört? Seine einmalige Mischung aus etwas Pathos und viel Pragmatismus muss jeden berühren, der eine Seele hat. Der große, übergewichtige Typ mit dem teigigen Teint könnte eine Witzfigur sein, aber worüber er singt - und wie - macht ihn zum Helden.

Einem volksnahen Helden. "Gerad nicht!", brüllt er völlig verschwitzt und außer Atem über seine Billig-Mineralwasserflasche hinweg, als jemand aus dem Publikum einen Liedwunsch äußert. "Wenn beim Pogen jemand oder etwas kaputtgeht, dann machen wir hinterher...", hebt er etwas später an. "...sauber?", ergänzt jemand. "Nee!", versetzt Müller trocken. So viel Band-Ehre muss schon sein. "Aber, äh... wir pusten." Lautes Gelächter im Publikum. Das gekommen war, um traurige Lieder zu hören. Vielleicht gerade weil sie in letzter Konsequenz nicht traurig sind, sondern das Leben feiern - je nachdem. Jupiter Jones texten nach dem Motto: Wenn du deinen Feind partout nicht besiegen kannst, mach ihn zu deinem Freund. Und weil das Leben der Prototyp dieses unbesiegbareren Feindes ist, kommt bei der Tour-Premiere im Dortmunder FZW nach einer Stunde die Zeit für die Hymne "Auf das Leben".

Zweifellos gibt es bei jedem Jupiter-Jones-Konzert Menschen im Publikum, deren Herzen noch zu frisch gebrochen sind, um aus vollem Hals mitzusingen ("Die Straße ist nicht immer eben / und grad deswegen: Auf das Leben!"). Für sie hat Müller Trost parat: "Sogar aus uns vier Landeiern ist was geworden. Na ja, ein bisschen was zumindest." Musiker nämlich, und gute noch dazu. Mehr noch als der Bewegungsfanatiker Sascha Eigner an der Gitarre überzeugt der wohltuend unauffällige Bassist Klaus Hoffmann. Und Marco Hontheim bearbeitet seine Trommeln so unablässig (und glücklich!), wie es sonst nur im Arctic-Monkeys-Video "A View from the Afternoon" zu sehen ist.

"Was nützt uns unsre Weisheit / in dieser ausgemachten Scheißzeit?", fragen Jupiter Jones im Refrain von "Und dann warten" bitter. Die Antwort ist: eine ganze Menge. Denn das geteilte Leid von Band und Publikum wird durch Konzert-Konfrontationstherapie zu doppelter Freude.

"Eilt sehr" ist auf die Hände aller Konzertbesucher gestempelt. Wie wahr. Mit Zuversicht und Kampfgeist sollten sich alle finster Brütenden dieses Landes schnellstmöglich von Jupiter Jones impfen lassen. "Wir möchten, dass Ihr noch zusammen ein paar Bier trinkt", bittet Nicholas Müller nach knapp anderthalb Stunden und drei Zugaben. Er steht jetzt kerzengerade. Und was er meint ist: Wir sollen anstoßen. Auf das Leben. (Tobias Jochheim, eldoradio*)

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