Konzertschau

Winehouse, Amy - Köln, Palladium
27. Oktober 2007

Für einige war es fast eine Enttäuschung, als um 21:35 Uhr der blaue Samtvorhang des ausverkauften Palladiums fiel und den Blick auf eine spartanisch staffierte, nur mit aufgeplusterten roten Lampenständern geschmückte Bühne freigab, deren Hintergrund geraffte Vorhänge samt Amy Winehouse-Schriftzug zierte. Viele hatten sich Doherty-like auf ein Konzert gefreut, das niemals stattfinden wird und so lag der Reiz des Ungewissen in der Luft, das Parfum der Sensationsgier.

Kaum eine Woche verging seit dem Erscheinen des formvollendeten und monolithisch in der popkulturellen Landschaft ragenden Albums „Back To Black“, was nicht in einem gesteigerten Maße die mediale Gemachtheit von Superstars illustrierte. Vor allem der englische Boulevard zerrte ein buntes Patchwork an die Kioske und entblätterte allerlei Kurioses, Wahres und Halbwahres: Missgünstig freie Blicke auf wuchernde Akne, angebliche Schwangerschaften, wüste Nächte in karibischen Hotels, blutverschmierte Wände, ein prügelnder Ehemann und vor allem eine repetitierende Mühle aus diversen Uppern und Downern, einem unhaltvollen Cocktail aus Synthetik und Natur. Zudem kaum ein Auftritt, der nicht wenigstens zeitweilig zum Debakel geriet. Koks und viel Alkohol sind bekanntlich schlechthin die exzessive Basis für Eskapaden aller Art. Die Thematik des gefallenen Mädchens (übrigens wunderbar am Beispiel Britney Spears von Elke Buhr in der ZEIT 44/07 durchdekliniert) spült auch in Deutschland noch ein paar Besucher mehr zu den Auftritten. Den Rest besorgt die musikalische Substanz, die Amy somit näher zu Pete Doherty als zu Britney Spears rücken lässt und integrativ Kritiker und Publikum zu hinreißenden Hymnen verleitet.

Ein neunköpfiges Ensemble drang und stürmte auf die Bühne. Zwei präsent platzierte, dunkelhäutige Background-Sänger in Anzug und zum Bauchnabel aufgeknüpftem Hemd ließen kurzweilig Irritationen aufkeimen, ob man nicht irrtümlich einer Veranstaltung der Chippendales beiwohnt, die jedoch ein Blick auf die Eintrittkarte schnell zertreuen konnte. „Mrs. Amyyyyyyy Wiiiiine-houuuuusssee“ schallte es im Michael Buffer-Stil in den Saal, bevor die Hauptperson des Abends staksig und unbeholfen an ihr Mikrophon stapfte und eine Lektion in Sachen Selbstwahrnehmung erteilte. Schließlich war jeder Griff an die Nase, jegliches nestelnde Richten von Haaren und Kleidung und jede Geste scheinbar aufgeladen mit Symboliken wahlweise des moralischen, physischen oder psychische Verfalls. Offenbart sich also auch an diesem Sonntag ein Teufelskreis, der kaum mehr zu durchbrechen scheint oder inszeniert die (un-)freiwillige Medienkönigin ein gekonnt kokettierendes Spiel mit Erwartungshaltungen und ritueller Klischeebedienung?

Der erste Ton saß nicht. Aber schnell fing ihre Stimme die Unsicherheiten auf und passte sich mit „Addicted“ in den energetischen Sound der Band ein, den die beiden Sidekick-Sänger mit wild affektierten und übertriebenen Bewegungen tanzend untermalen wollten, was aber schnell zu unangenehmen Anheizer-Posen verkam. Als kompensatorischer Akt wusste man dieses Ablenkungsmanöver jedoch fast zu schätzen, bewegte sich Amy nur hie und da ungelenk wie eine rheumatische Oma. Derart steif in den Hüften, dass der soulige Schwung einzig aus der gekonnt hochgesteckten und mit roten Tüchern zusammengehaltenen Turmfrisur bestand. Es schien, als habe Amy ihrem Körpereinsatz für heute einen Abend auf der Couch verordnet, die Selbstaufgabe schien nicht fern. Die rituelle Begrüßung ließ lange auf sich warten, dafür brachte „Tears Dry On Their On“ die Gemüter der Halle langsam aber stetig auf Betriebstemperatur, die die Backingband schnell erreichte. Jegliches Kommunikationsloch der Frontfrau wurde nonchalant überspielt und mit ebenso klassischen wie simplen Tonleiterübungen geflickt. Zur Not ließen die Tänzer ihre Hüften noch ein bisschen wilder kreisen.

Amy quälte sich ohne Kalkül durch 19 Nummern, wandelte mit ihrer auch live erstaunlich präsenten und kernigen Stimme durch sanfte Schunkler wie „Me & Mr. Jones“ und durch aufgebrachte Racker wie das gecoverte „Monkey Man“, wo der Sprung zwischen Soul und Reggae ein leichter war. Anflüge von Doo-Wop und Jazz reminiszieren eine Aura der Nostalgie. Motown in Köln, aber nicht so begeisternd und euphorisch, wie man sich das insgeheim erhofft haben mag. Dennoch, Kompositionen wie „Rehab“ oder das an diesem Abend umwerfende „Back To Black“ erhoben sich auch im Konzert in den Rang moderner Klassiker. Die schwarze Seele lebt und leuchtete hell bei „Wake Up Alone“, flackerte mit den stilvollen Blechbläserattacken bei „You Know I´m No Good” und versiegte schließlich mit ungelenker Pose bei „Your Wandering Now“ und überließ der routinierten Band eine halbe Strophe die komplette Bühne, um kurze Zeit später wider überhastet ans Mikrophon zu stoßen. Die Nasenscheidewand juckte. Überhaupt war längst aus dem solide heruntergespielten Konzert eine tragische Schauburg der Merkwürdigkeiten geworden. Spätestens als so Sätze wie „I never played that before. Stoned.” ihre spröden Lippen verlassen, die Textsicherheit mit einer Großpackung Ohs und Ahs übertüncht wird oder die Bandvorstellung unter der abermaligen Bühnenabstinenz der Diva bruchlandet, stellt sich ein mulmiges Gefühl ein. Amy Winehouse ist ein abwesender Schatten, der noch aufrecht stehen kann und noch alle Kraft in der Stimme zu bündeln vermag. Ein Schatten, der kaum Hoffnung versprüht und letzlich die Flucht der Bühne vorzuziehen scheint. (Markus Wiludda, eldoradio*)

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