Konzertschau

White Stripes, The - Düsseldorf, Philipshalle
29. Oktober 2005

Ein dicker, leuchtend glutroter Apfel auf dem Bühnenbild symbolisiert Sünde und Versuchung - eine komplett gefüllte Philipshalle konnte heute nicht widerstehen: Zwei Menschen galt es zu sehen, die Schrittmacher des schäbigen Rock´n´Rolls, um die sich mindestens genau so viele Mythen ranken, wie um den Apfel: die White Stripes aus Detroit.

Überpünktlich standen Meg und Jack White schon um neun Uhr auf der großen Bühne, die, um zu übertünchen, dass nur zwei Musiker die Lorbeeren unter sich aufteilen, üppig ausstaffiert wurde. Mit Hawaii-Scherenschnitt-Backdrop, weißen Palmen und fast orchestralem Instrumentarium. Zwei Pauken (die nur für 5 Sekunden gebraucht wurden!), Piano, Marimba, Keyboard, Schlagzeug und Gitarren. Dazu weißrote Amps, die sich natürlich vorzüglich in die dreifarbige Einigkeit von rot-schwarz-weiß einpassten.

Die Show konnte beginnen, die Menge fieberte in reger Anspannung! Mit "Black Math" und "Blue Orchid" wurden dann erste Hits der Meute zu Fraß vorgeworfen. Und diese bedankte sich, als ob sie völlig ausgemergelt noch nie Bluesrock live erlebt hat. Aber tatsächlich: so etwas druck- und kraftvolles hat man von zwei Menschen wohl noch nie in einer Halle erlebt. Jack, in schwarzem Anzug und weiß geschminktem Gesicht, überzeugt von Beginn an mit seiner Bühnenpräsenz und seinem exzellenten, rhymthmischen Gitarrenspiel, was scheinbar leichtfüßig die archaischsten Riffs metergroß aus den Boxen zimmert. Do-It-Yourself natürlich, aber in markvoller Perfektion. Und der Weißgestreifte weiß um seinen Status, die Blicke, die nur auf ihn gerichtet scheinen. So schafft er es, die ganze Bühne gleichzeitig zu bevölkern. Vier Mikros an den Eckpunkten seiner Laufwege demonstrieren die Größe des Egos. Jack kreischt, ächzt, rumpelt und singt gleichermaßen präzise auf den Punkt.

Meg wippt derweil auf dem Stuhl ihres Drumkids. Nein, sie hüpft gleich komplett mit dem Stuhl - während sie immerwährende Tanzbarkeit als Donnerschläge überfest aus der Bassdrum tritt. Und als vermutlich schlechteste Drummerin mit der ungeschicktesten Technik verpasste sie auch an diesem Abend natürlich einige Einsätze und hechelte zeitwegs dem Rhythmus hinterher - aber gerade im Zusammenspiel mit den scharfkantigen Gitarrenparts eine charmante und überaus fesselnde Mischung. Zumal der Sounds keine weiteren Musiker vermissen lies. Zwei Menschen, mehr brauchte es nicht, um den Siegeszug des Rock´n´Roll zu zelebrieren.

Und da Geschwindigkeit bekanntlich die Energie potenziert, musste "Hotel Yorba" gleich komplett dran glauben. Großartig unbändig, fast hysterisch verschluckte Jack fast jede zweite Wort. Aber das war auch bei diesem Tempo und geübter Zunge nicht anders machbar. Die Menge hatte ihn trotzdem verstanden und jauchzte und grölte mit. Wie durchgängig an diesem Abend. Und während die ebenfalls mit Anzügen und Melonen bekleideten Roadies Jack schon die nächste Gitarre um den Hals legten, konnte man kurz durchschnaufen - das Duo aus Chicago gönnte sich keine Pause und überraschte mit nahtlosen Übergängen, angesägten Tempiwechseln und infernalischem Ungestüm. Zwischen den wohlplatzierten, kraftraubenden Hits wie "Jolene", "My Doorbell" nahmen sie sich aber auch Zeit für ruhige Songs, die am Klavier, gar an der Marimba ("The Nurse") die Intensität bündelten und die Klasse des Multiinstrumentalisten Jack mit einem dicken Stift rot unterstrichen.

Als der runter skelettierte, unverzerrte Riff von "Cold Night" ertönte, schlich sich, schüchtern die Haare aus dem Gesicht streichend, Meg ans Frontmikrophon und bewies erneut, dass das Können eindeutig hinter dem Herzblut zurückstecken muss. Herzallerliebst diese naive Schräglage! Und dann ging´s wieder von vorne los: prähistorisch-druckvolle Sounds, Hits galore, wenngleich nach "My Doorbell" etwas folklastiger, da es ja vornehmlich das aktuelle Album "Get Behind Me Satan" vorzustellen galt. Dann war Schluss, alle Gitarrenwände gebrochen und der letzte Schlag auf die Felle verhallt. Nur das Feedback dröhnte im Hintergrund, als sich das Geschwister-Ex-Ehepaar verneigte. Natürlich, um mit sechs Zugaben dem Garagenpunk entgültig die Krone aufzusetzen! Festhalten!

"The Hardest Button To Button" machte dann auch gleich alle Revierstreitigkeiten obsolet. Die White Stripes sind Reverenz und unbestritten das vielseitigste Duo der jüngeren Rockgeschichte, nein, der ganze Rockgeschichte. Mit "I Just Don´t Know What To Do With Myself" (das die Halle ausnahmslos mitsingen konnte), "We´re Going To Be Friends" und "Little Ghost" reihten sich die Heißblüter. Letzteres war schrammelig vorgetragener Akustik-Dilettantismus in Wahnsinn. Roh und pur und die Essenz der White Stripes, die sich auch nach gut anderthalb Stunden keineswegs abgenutzt hatte. Und dass alle Stricke dann bei "Seven Nation Army" reißen, war schon von Beginn vorherzusehen. Dröhnend und mitreißend hatte Jack das Publikum fest unter Kontrolle. Aber dann setzte das exorbitante Strobo-Gewitter beim Gitarrenriff des Jahrzehnts erneut ein... Das überbordende Homecoming-Finale einer rundherum perfekten Show. Der wahre Rock´n´Roll machte an diesem Tag Station in Düsseldorf. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Archiv aller Konzertberichte

radiobar