Konzertschau

Tiger Tunes / Team Blender - Bochum, Bastion
22. April 2004

Die Bochumer Bastion gleicht einem Videospiel. Buntes Licht fällt aus Strahlern und Computer-Projektionen tauchen diese ungewöhnliche Location in eine stimmungsvolle Atari-Ästhetik.
Das C64-Gedudel nebenbei macht klar: Heute Abend ist Pop angesagt. Nur leider scheints keiner zu wissen. Gerade mal 70 Leute haben sich für wenig Euro hier verschanzt um beim Tourauftakt zweier aufregenden neuen, aber noch völlig unbekannten Bands dabei zu sein.

Das neuformierte Team Blender macht den Anfang. Ein wenig chaotisch sammeln sich die vier Berliner auf der kleinen Bühne und bringen erst mal ihre Instrumente durcheinander. Der sehr süße Rettungsversuch von Sängerin und Ex-Mitglied der Lemonbabies Barbara Hanff täuscht ein wenig darüber hinweg, dass in den nächsten 40 Minuten nur mässig enthusiasmierende Kost im Fahrwasser von Paula und Klee geboten wurde.
Hach, die Sängerin ist trotzdem ziemlich niedlich.

Dann endlich die Tiger Tunes. Wie geht man als Band mit fehlenden Erwartungshaltungen um? Ganz einfach: Man überzeugt binnen Sekunden, dass das hier kein normales Konzert ist. Aufwärmschwierigkeiten und lange Anlaufphase: Fehlanzeige.
Die sechs Dänen wissen ganz genau, wie man ein Konzert spaßbringend verleben kann. Licht aus, Keyboard-Beats an und los geht´s durch eine Welt voller Tiny-Toons-Soundtracks, Kinderchöre, wirren Elektro-Spielereien und – ja wirklich - Rockmusik.
Wenn auch Ungläubigkeit am Anfang beim trashig anmutenden Auftakt überwog, so konnte sich bald keiner mehr den Rhythmen und den durchgeknallten Tigern erwehren. Sänger Mr. H spielt, grimassiert und hampelt herum, als sei die Bühne ein Trampolin. Keyboarderin Marie lupft, arschwackelt und shakert mit dem Publikum.
Ein infektiöser Energie-Cocktail aus Sound und Show im Dreieck zwischen C64, Tuborg und Kungfu. Drinnen herrscht inzwischen fast subtropisches Klima, eine aufgeheizte, fiebrige Atmosphäre – so weit das mit 70 Leuten geht. Das Publikum eine mitgrinsende, mitwuppende, schwitzende Masse.

Bei den Hits „Foolio“, „Kisten Is A F***machine“ und „Spring Tiger“ platzt entgültig der Knoten. Trotz einem Set aus lauter unbekannten Songs (schließlich haben die Tiger Tunes erst vor wenigen Tagen ihre Debüt-EP veröffentlicht) gehen diese eben so hymnischen wie clever konstruierten Tracks direkt vom Ohr in die Beine. Kein Halten mehr, je länger sie spielen, desto mehr Spaß macht das Konzert. Und das nicht nur dem Publikum. Die Begeisterung ist den Dänen ins Gesicht geschrieben. Immer wieder bedanken sie sich für den überschwänglichen Applaus und die gewagten Tanzeinlagen, bevor die nächste Runde auf dem Power-Plastic-Pop-Rummelplatz eingeläutet wird. Nennt es durchgeknallt, abgefahren oder schlicht extrem tanzbar. Man hatte das Gefühl, gerade der Entdecker einer der sympathischsten und most entertaining Undergroundbands geworden zu sein.

Nach 16 Songs und einer Zugabe schleichen die Tiger davon und kommen trotz minutenlang brodelnder Menge nicht wieder. Ein wenig enttäuschend dieser Abgang, auch wenn die Band mit solchen Liebeserklärungen sicher nicht gerechnet hat.
Was bleibt ist stockende Euphorie. Die Tiger Tunes sind die coolste Popband für eine halbe Ewigkeit. Mindestens.

(Markus Wiludda, eldoradio*)

www.team-blender.de

www.tigertunes.dk

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