Konzertschau

Tenfold Loadstar - Münster, Luna Bar
17. November 2005

So schön. So herbstgrauvergessenlassend, so traurig, so hoffnungsvoll, so tröstend, so melancholisch, so schön. So schön und dabei so unprätentiös.

Kitschgefahr besteht immer in der Luna Bar. Vor dem roten Leuchtherz richtet so manche Band ihren Spieltrieb auf so ziemlich alles, bis auf ihre Instrumente. Am schlimmsten sind oft die, die ihre halbe Wohnzimmereinrichtung mitbringen und um sich herum verteilen, bis sie sich auf der Mini-Bühne zwischen Lampenschirmen, Häkeldeckchen, Stoffpuppen und Kleiderständern kaum noch bewegen können.

Tenfold Loadstar haben Pappaufsteller ihrer Haustiere dabei. Ihre Rhythmusmaschine ist auf einer Leopardendecke mit Rosen dekoriert. Eine Totenkopfflagge über zwei Colakisten bildet einen improvisierten Stuhl. Das alles vor dem roten Herz und im typischen Luna-Bar-Trash-Schick gehalten.

Doch sobald Caro Garske anfängt zu singen ist der Kitsch vergessen, ist ihr Papphund nur noch ehrlicher Glücksbringer und nicht unlustiger Running Gag, ist die Bühnendeko unwichtig, ist da nur noch diese Stimme.

Das Motto, unter dem Caro, Gundi und ihre Rhythmusmaschine unterwegs sind, ist „Two Women – One Machine“. Das klingt zunächst sehr elektronisch und wer das Album „Mellow Garden“ über die indiepopschwebende Single hinaus und die Luna Bar mit ihrem Faible für Mitnicktaktiges kennt, erwartet auch live eher Tanzbares. Aber Tenfold Loadstar sind nicht Le Tigre oder die Chicks on Speed. Tenfold Loadstar schreien nicht. Tenfold Loadstar müssen nicht schreien. Tenfold Loadstar werden auch so gehört.

„Sun and Rain“ ist der Anti-Sommerhit des Jahres gewesen. Für eine Fernsehwerbung zum „summer without rain“ verhunzt, darf der Song live wieder vom Sommer mit Regen handeln. Und vom Leben und der Liebe und allem irgendwie. Vom Träumen, vom Verlieren, vom Suchen und vom Finden. Und schweigend steht man da und bewegt kaum den Kopf im Takt und kann den Blick nicht abwenden von der Bühne und diese Stimme nicht fassen.

Tenfold Loadstar bestanden immer vor allem aus dieser Stimme. Aus drei Mitgliedern wurden zwei, dann vier und auf dieser Tour nun wieder zwei. Solange nur Caro Garske dabei ist, scheint egal, wer ihr dabei zuspielt. Aber live merkt man plötzlich, dass Gundi dazugehört, dass das unsichere Einzählen der Songs, die spärlichen allürenlosen Ansagen und das umständliche Einstellen der Rhythmusmaschine die eingespielte Selbstverständlichkeit der Band nicht stören können. Und wenn Gundi dann den Elektrobass beiseite legt und beginnt, das Cello zu stimmen, ist sie mit einem Mal zweiter Mittelpunkt auf der Bühne. Und alle anderen Mittelpunkte verschwinden.

Man vergisst alle Menschen um sich herum und möchte gleichzeitig jeden einzelnen in den Arm nehmen. Selbst die nervigen Trainingsanzugträger links vor der Bühne, die noch mehr Cello fordern. Die Loadstar-Melodien klingen nach Sommernachts-Open-Air vor zehntausend Menschen, nach einsamen Minnesängen für einen ganz alleine, nach Sommer, nach Regen, nach Winter, nach Sturm, nach Frühlingsgefühlen und Herbstmelancholie. Jede von ihnen der perfekte Soundtrack zu einem dieser wunderbaren Indiefilme, in denen junge Menschen auf die Suche nach irgendetwas gehen, dabei Autos zu Schrott fahren, seltsame Begegnungen machen, nackt in Flüsse springen, nachts von Hochhausdächern aus in den Himmel sehen und irgendwann sich selbst finden. Und doch ist man immer noch vor der Bühne mit dem roten Herz und den Papptieren, zwischen gerade mal rund 30 anderen Herbstnachtflüchtlingen, nach denen man sich den ganzen Abend lang kein einziges Mal umdreht, weil sie so unwichtig sind gegen die Musik.

Als Zugabe gibt es noch mal Cello für die Typen in den Trainingsanzügen. „A Day In The Life“. Nach Neil Youngs “Hey Hey My My” der zweite Coversong des Abends. Und wieder ist es eine Hommage ans Original, die es nicht für den eigenen Sound zurechtbiegt, sondern sich nahtlos einfügt ins Set. Wie bei der Bühnendeko ist es egal, ob es schon dagewesen ist. Beatlescover sind bei Bands noch um einiges beliebter als Wohnzimmeraccessoires. Bei vielen wirken sie peinlich, bei Tenfold Loadstar glaubt man fast, John und Paul hätten das Stück ausschließlich für Caro und Gundi geschrieben.

Und dann ist es vorbei. Das letzte Konzert der Tour. Und bleibt. Als CD oder Button oder T-Shirt oder Foto. Oder schlicht als Erinnerung an etwas, das so schön war.

(Britta Helm, Radio Q)

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