Konzertschau

Tapete On Tour 2004 - Leipzig, Moritzbastei
5. November 2004

Bis gestern war Wochenende. Freitag. Samstag. Sonntag. Umgekehrt
steigerbar. Fangen wir beim Freitag an. Keine großen Gesten. Gleich rein in den Stau. Auf dem weg zwischen Ilmenau und Leipzig Stop and Go and Krämpfe auf der Rückbank.

Nach drei Stunden, oder weniger, dann angekommen. Auf einen Wein in die gute Stube fremder Menschen. Dann auf die Suche in die erkältete Stadt. Moritzbastei ließ sich dann auch finden. Verlaufen kann man sich auch drinnen.

Merkwürdige Menschen jeder Alterklasse, die noch und schon ausgehfähig ist. Merkwürdige Menschen also standen herum, während der Moderator des Abends, Dirk Darmstädter (Me And Cassity, Jeremy Days, Tapete-Macher) schon seinen Job verfehlte. Er sang. Und versuchte lustig zu wirken.
Aber charmant. Moderator Nummer zwei war leider verhindert. Fieber erhitzte sein Gemüt. Bernd Begemann war also unpässlich. So sang also der Darmstädter seine niemals enden wollenden Songs. Einzig und allein begleitet von einer Westerngitarre. Country. Yieeehah. Dachte man sich.

Dann kam Kolkhorst. Wer auch immer dieser Mensch ist, mit "toll", "innovativ" oder "gut" würde ich ihn nie umschreiben. Bekanntes Schema: Wandergitarre, Drumcomputer, deutsche Texte. In diesem Fall weniger intelligent. Ich jedenfalls (um die Selbstbezogenheit eines Max Goldt
hier mal zu entleihen), ich jedenfalls habe mich noch nie wie ein Champignon in Watte gefühlt von dem der Kolkhorst unter anderem so sang. Teilweise unverständlich. Sang er nun "lang lebe die Einzelhaft", "leck deine Achselhaut" oder "lang liebt die Eitelkeit"? Keiner weiß. Ich selbst, als nuschelnder Konsument, konnte schlagartig nachvollziehen wie wichtig eine klare Aussprache sein kann. Jedenfalls war er dann fertig
mit seinem Gesang.

Zeit für eine Ansage. Mal wieder der Darmstädter. Mal wieder Sprüche, von denen er zu glauben schien, dass Begemann sie auch gebracht hätte. Aber Begemann hat keine Freunde in der IT-Branche, die Macintosh-Rechner in tollen Farben haben. Selbst wenn, er würde merken, dass so etwas nicht lustig genug ist um es Tag für Tag 200 Leuten zu erzählen.

Weiter. Mon(tag oder Mon)tag. Das weiß ich nicht. Überaschenderweise gefiel mir das. Das was ich bisher gehört hatte auf diversen Bandsites und Samplern fand ich immer übertrieben pathetisch, kitschig, hyperemotional. Aber live war‘s schick. German Motown Blow, druckvoller Gesang, pressende Gitarren, schwule Streicher und der obligatorische
Ladykiller an der Front.

Dann aber endlich wieder Freitag. Zeit für.....Dirk Darmstädter. Seine letzte Ansage. Hatte ich mir gewünscht. Mittlerweile standen wir dann auch ganz vorn. Immerhin standen Anajo vor uns in der Warteschlange. Die haben sich natürlich dann als Glanzlicht in die Herzen gespielt und sympatisiert. Deutsche leichte, putzige Texte mit Gitarren und süddeutschem Timbre müssen nicht zwangsweise flach sein und von Sportfreunden kommen. Ich wollte diese beiden Bands niemals in einem Satz zusammenprellen lassen. Definitiv war‘s ein Grinsekonzert mit happy tunes und tanzen und sich freuen. Irgendwann, nach den ganzen Hits, die man alle schon kannte und mitgrinsen konnte war dann Schluss. Disco mit DJ Action. Abgesehen vom Namen hat er ja gute Dienste erwiesen, wenn da
nicht dieses unberechenbare Leipziger Publikum schon vorher die Flucht ergriffen hätte. Die spinnen. Kaum klingt der letzte Ton der letzten Band aus verlassen 200 Leipziger schlagartig das Tanz-Parkett und hinterlassen Freunde, Angehörige und uns. Fünf Stück Mensch verlassen in irgendeinem Leipziger Studentenkeller. So saßen, tanzten, standen wir also noch stundenweise dort und gingen dann essen.

Eingeschlafen in Leipzig. Aufgewacht in Ilmenau.

(Andre Trapp, radio-hsf)

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