Konzertschau

Stevens, Sufjan - Köln, Gloria
10. November 2006

Sufjan Stevens hat zu seinem einzigen Deutschlandkonzert in diesem Jahr geladen. Logisch, dass es komplett ausverkauft ist. Schließlich ist der inzwischen auch schon 31 Jahre alte Songwriter aus Detroit spätestens seit seinem Opus "Illinois" aus dem letzten Jahr und den Lobeshymnen in den Feuilletons einer recht breiten Masse ein Begriff. Dementsprechend bunt durchmischt ist das Publikum, das sich an diesem kalten Herbstabend schon lange vor Einlass in einer riesigen Schlange vor dem Gloria versammelt.

Als Support hat Sufjan Stevens Annie Clark alias St. Vincent mitgebracht, die auch später in seiner Band mitspielen sollte und schon weit vor 21 Uhr, dem offiziellen Beginn des Konzerts, eröffnet. Einerseits schade, für die Besucher, die etwas später kommen. Denn das, was St. Vincent abliefert, ist durchaus sehr schöner Folkpop mit ausgefeilten Ideen und hohem Unterhaltungswert. Andererseits kann durch den früheren aber auch für später etwas Zeit aufgefangen werden, denn Sufjan Stevens und seine Band haben sich für diesen Abend Bezauberndes einfallen lassen.

Da sind zuerst die mindestens drei Dutzend aufgeblasenen Superman- und Weihnachtsmannpuppen, die vor dem Auftritt auf der Bühne verteilt werden. Viel größer ist Erstaunen und Begeisterung aber, als die Band um Sufjan Stevens endlich die Bühne betritt: Jeder einzelne ist entweder als Vogel oder Schmetterling verkleidet, inklusive kunstvollen Masken und auf dem Rücken angeschnallten Flügeln. Sufjan selbst ist durch seine Verkleidung als "Lord God Bird" mit riesigen Flügeln, die in den schönstens Farben der Welt schimmern, selbst mit Maske sofort auszumachen. Die ersten Töne des Openers "Sister" machen die zauberhafte Atmosphäre schließlich perfekt. Nach dem vier Minuten langen Instrumental erhebt sich Sufjan vom Klavier und haucht mit auf Anhieb bewegendem Gesang die ersten Töne ins Mikrofon. Nun natürlich ohne Maske, wie auch der Rest der elfköpfigen Truppe, die sage und schreibe fünf Bläser beinhaltet. Die Setlist ist eine bunte Mischung mit Songs aus den Alben "Michigan", "Seven Swans" und "Illinois". Besonders faszinierend ist, dass die Intensität der extremen Songs auch auf der Bühne bewahrt werden kann. "The Transiguration", "John Wayne Gacy, Jr" und "To Be Alone With You" klingen mindestens so zerbrechlich und filigran wie auf CD, "Detroit, Lift Up Your Weary Head!" und "The Man of Metropolis Steals Our Hearts" sind so krachend und angenehm überladen wie eh und je.

Apropos "The Man Of Metropolis Steals Our Hearts": Die Supermanpuppen sind nicht bloß einfach so auf der Bühne platziert. Während des Songs über den angeblichen Sohn Illinois schleudert Sufjan sie nach und nach von der Bühne. Er und die Zuschauer haben sichtlich Spaß dabei. Ähnliches passiert später mit den Weihnachtsmännern, die von den ausgezeichnet aufgelegten Bläsern während "The Worst Christmas Ever" ins Publikum geworfen werden, bis wirklich auch der letzte von der Bühne verschwunden ist.

An diesem perfekten Abend darf natürlich ein komplett neuer Song nicht fehlen: "The Majesty Snowbird", einem von mehreren Stücken über Vögel, die Sufjan in letzter Zeit verfasst hat, steht den restlichen Songs des Abends in nichts nach. Kein einziger Ausfall, eben typisch Sufjan Stevens. Er ist ein leidenschaftlicher Musiker, das zeigt sich auch an diesem Abend wieder, als nach gut 100 Minuten der letzte Ton erklungen ist und er sich gerührt von seinen Fans verabschiedet. Ebenfalls grandios: Die günstigen Preise für Merchandisingartikel. Während Kollegen 20 Euro und mehr für CDs und T-Shirts verlangen, will Sufjan gerade mal zehn Euro haben. Auch deshalb: Ein Abend mit Seltenheitswert. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

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