Konzertschau

National, The - Köln, Prime Club
2. Dezember 2005

Beide Hände unklammern steif das Mikrophon, der gesenkte Blick streift den Bühnengrund. Matt Berninger steht zerbrechlich und verschüchtert vor den knapp 180 Leuten im Prime Club, es scheint, als ob ihm die Pose als Frontmann der sechs Brooklyner eher Unbehagen denn ein Gefühl des Rockstarseins verleiht. Und wie passend legt die Band mit der Single "Secret Meeting" ohne Worte ans Publikum zu richten los - ein Song darüber, in der Anonymität der Masse verschwinden zu wollen.

Etwas zittrig und in sich gekehrt setzt Matts reife, dunkel getünchte Stimme ein und erfüllt den Raum mit unglaublicher Präsenz. Trotz melancholischem Grundton schaffen die Musiker es, aus dem Zusammenspiel zwischen klassischem Bandsound und elektronischer Verstärkung Tanzbarkeit zu implizieren und mit dramatisch ausuferndem Backgroundgesang erste Akzente zu setzen. Besonders der Bassist / Gitarrist stibitzt auch beim zweiten Song, "Lit Up", mit seinen Shouts aus zweiter Reihe Aufmerksamkeit - wenn nicht gerade der Teufelsgeiger mit verzerrtem Gesicht und höchster körperlicher Anstrengung seinen leidenden Bogen über die Saiten foltert.

Überhaupt scheint hier jeder zu 100% bei der Sache zu sein, nicht nur das Gefühl der Songs zu reproduzieren, sondern gleich darin aufzugehen. "I´m So Sorry For Everything" singt Matt in "Baby, We´ll Be Fine", überschlägt seine Stimme, schreit, fasst sich spastikerhaft an die Brust, reibt seinen Zeigefinger an den Schläfen, durchlebt Trauer und Verzweiflung, Wut und Ausbruch. Die vielschichtigen Texte auf dem aktuellen, grenzenlos fantastischen Album "Alligator" gerinnen zu einer morbiden Masse aus Angst und Traurigkeit. Die Gitarren bohren sich in Matts Psyche, die Drums skizzieren den rastlosen Rhythmus und holen ihn zurück ins Hier und Jetzt. Gebrochen zwar, aber immerhin.

Nur schleppend passt er seinen Gesang ein, schlurft hinein in vorsichtig perlende Metrik, in Geigenkomposita und zurückhaltend gestrichenes Schlagwerk, wiegt sich in den Melodiebögen und verliert sich in psychedelischen, fast shoegazermäßigen Soundwellen, bevor er bei "Abel" schmerzhaft windend die Energie bündelt: My Mind´s Not Right. Rotquillende Schreie. Danach ist Platz für das eingespielte Team, die klaffende Wunde mit elegischen, ausufernden Momenten wild und frei aufzufüllen. Denn bei The National gibt es live keine Rangordnung. Und so werden Gitarren und Bässe getauscht, Plätze gewechselt, zwischen Weite, Entrücktheit und schonungslose Intimität gependelt, gelitten, geliebt, verloren und gestorben, bis die Welt in Traurigkeit getränkt ist und die Beine nicht mehr stillstehen können. Welch Ambivalenz!

"City Middle", Matts Lieblingssong bildet dann den Abschluss eines überzeugenden Konzerts, das Rotwein, Geschichten, Bilder und gehaltvolle Distanz vereint. Denn das Publikum blieb bis auf wenige Blicke des Frontmanns außen vor. Man stockte im Gefühl, Zeuge einer privat-musikalischen Verarbeitung zu sein, einer Seelentherapie in einem Kölner Keller beizuwohnen, die mit einer schauderhafte Offenheit berührt und somit Kopf und Körper doch ganz nah ist. Die insgesamt drei Zugaben von älteren Alben entschädigen für das Fehlen von "Karen" und demonstrieren die instrumentale Varianz und den sympathischen Fundus einer Band, die mit Niveau und Kauzigkeit ein Versprechen auf die Zukunft abgeliefert hat. Auch wenn man es ungern sagt: lang möge die bleierne Schwere des Lebens auf diesen Schultern lasten, wenn musikalische Kunst das Ventil dieser begabten New Yorker bleibt. (Markus Wiludda, eldoradio*)

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