Konzertschau

Muse - Düsseldorf, Philipshalle
13. Dezember 2006

"Und noch nicht einmal "TSP" haben sie gespielt!" sollte nach dem Konzert jemand empört feststellen, um mit folgendem Spruch entgegnet zu werden: "Das haben sie doch auf der gesamten Tour nicht gespielt.". Ein viel weiserer Spruch, als er zunächst den Anschein hat, wie sich im Laufe dieser Geschichte herausstellen sollte.

Die drei Jungs von Muse waren in der Stadt, um die komplett ausverkaufte, rappelvolle, bis auf den allerletzten Platz besetzte Philipshalle zu rocken. Ein geschichtsträchtiger Ort in der eigenen Bandhistorie - hatten sie doch auch anlässlich ihres ersten Albums vor nunmehr gut sechs Jahren in derselben Halle tausende Zuschauer begeistern können. Bereits um 18 Uhr hatten die jüngsten Anhänger der Band den inneren Bereich unmittelbar vor der Bühne gestürmt, für sich eingenommen und dort bis kurz vor halb neun ausgeharrt.
Dann gingen nämlich die Lichter aus, über 8000 Kehlen schrieen aus vollem Hals und der sicherlich anstrengende Arbeitstag für das Team am Licht hatte begonnen.
Die mit einem riesigen Videoblock à la Eishockeystadion ausgestattete Bühne wurde von hunderten bunter Lichtstrahlen illuminiert, während die links und rechts von der Bühne angebrachten gigantischen Screens auch den Zuschauern mit eingeschränkter Sicht großartige Bilder mit tollen Effekten lieferten. Es war, als sähe man live die DVD zum gerade stattfindenden Konzert.

Chris, Dominic und Matt legten dann auch gleich los und eröffneten bei später besser werdendem, aber zunächst grauenhaftem Sound das Konzert mit dem furios-futuristischen "Map Of The Problematique" aus ihrem aktuellen Album "Black Holes And Revelations". Ein guter Start, der die hungrige Meute schnell zufrieden stellte.
Selbstverständlich stand der gesamte Abend ganz im Zeichen des neuen Materials, und so wurden auch viele Tracks des von vielen als nicht ganz so meisterhaften Longplayers zum Besten gegeben. Nach einem kurzen Ausflug in die Vergangenheit mit "Butterflies & Hurricanes" kickte das englische Dreigestirn mit ihrer erfolgreichen Single "Supermassive Black Hole" auch gleich die nächste Nummer aus dem Album, der kurz darauf das nach wie vor fürchterliche und dennoch fürchterlich viele Menschen ansprechende "Starlight" folgte.
Das alles taten sie allerdings, so schien es zumindest, mit einer solchen übertriebenen Routine, mit einer so fehlerlosen Konzentration - man ist sehr versucht gewesen, ihnen eine gewisse Langeweile zu unterstellen.

Denn außer den üblichen Floskeln, wie ein paar Grüße in deutscher Sprache an das Publikum, kam nichts von Muse. Keine Leidenschaft, kein Temperament, keine elektrisierenden Momente, deren Spannung zum greifen nahe gewesen wäre, für die die Band doch eigentlich berühmt und erst recht berüchtigt war. Ein aus vollem Lauf in das Schlagzeug springender und gleichzeitig bis zum letzten Moment des schmerzhaften Aufpralls Gitarre spielender Matt Bellamy gehört wohl nun endgültig der Vergangenheit an. Zu sehr spielten sie, so traurig es auch klingt, ihr Pensum herunter. Die einzigen Momente, an denen etwas von ihrer Live-Kreativität aufflammte, waren, als sie mehrfach nach Beendigung einiger Tracks ein Zwischenspiel hin zum nächsten Track einlegten. Doch wie Chris und Matt um die Schlagzeugrampe von Dominic im Kreis standen und bloß konzentriert und in aller Seelenruhe für sich spielten, erinnerte mehr an eine Performance von Tool als an die wilden Rock-Operetten der drei Instrumentalvirtuosen.

Ein wenig Party kam dann auf, als nach zwei weiteren neuen Tracks ("Hoodoo" und "Invincible") das rockende wie grundsätzlich leidenschaftliche "Time Is Running Out" angestimmt wurde, bei dessen Refrain jeder Gelegenheit bekam, mitzugrölen, was die Stimmbänder hielten. Richtig los ging die leider viel zu kurze Party dann, als die "Absolution"-Keule ausgepackt und nacheinander zuerst "Hysteria" und darauf der verträumt-rockende "Stockholm Syndrome" gespielt wurden. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die gesamte Stimmung des Abends, sowohl beim Publikum, als auch bei der Band selbst, auf dem Höhepunkt.

Doch schon bald sollte Schluss sein für den heutigen Abend. Nachdem Muse "Take A Bow" gespielt hatten, verabschiedeten sie sich von der Bühne, was aber das Publikum nicht weiter störte: sie machten das einzige, wofür sich die Philipshalle gut eignet: Krach auf den Rängen durch poltern, treten und klatschen. Und nach zwei Minuten kamen sie schnell auf die Bühne zurückgestürmt, denn sie hatten was vergessen: sie konnten den Abend nicht beenden, ohne die aktuelle Single zu spielen, die sogar eine eigene Homepage hat. Und so wurde noch einmal zum spacigen Country-Rocker "Knights Of Cydonia" gejubelt, getanzt (sofern es ging) und gestompt, bis die Sporen an den Cowboystiefel glühten. Und, siehe da! Da konnte Matt Bellamy schlussendlich doch nicht widerstehen und ließ sich zu einem kurzem, aber, optisch wie akustisch, krankem Solo hinreißen. So weit, dass am Ende des Tracks Matt und seine Gitarre Arm in Arm vor dem Mikrophon und ca. 8000 vom Hocker gerissenen Zuschauern auf dem Boden lagen.

Und so war nach fast genau fünfundsiebzig Minuten der ganze Spaß vorbei und Muse verabschiedeten sich kurz und schmerzlos von der Bühne. Beendet war ein größtenteils leider durchschnittliches Konzert. Die Ballon-Nummer hatten sie unglücklich abgezogen und verkackt - zum Ende des Tracks, an dem die riesigen Ballons ins Publikum geworfen wurden, war noch kaum einer geplatzt, so dass Drummer Chris die Fans auffordern musste, die Dinger, von denen auch viele auf die Bühne selbst flogen, doch bitteschön schnellstmöglich im Dunkeln zerplatzen zu lassen. Keine Spur war mehr übrig geblieben von den magischen Gänsehautmomenten, wenn sich, zu den Klängen von "Blackout", die prall mit Konfetti gefüllten Ballons bei hellstem Licht in Nichts auflösten, und Hunderttausende von Papierschnipseln durch die Luft und in die verschwitzten Gesichter überglücklicher Menschen flogen.

Die Romantik, auch immer ein Markeinzeichen der Band Muse, war an diesem Abend vollkommen abwesend. Stattdessen zogen sie ihr Ding strikt durch, ließen große Tracks wie "Muscle Museum", "Darkshines" oder eben jenes "TSP" aus, und verscherzten es sich möglicherweise mit einigen ihrer treuesten Fans. Aber es waren ja auch Hunderte von Erstlingen zugegen, die ja vielleicht die neue Fan-Generation der Band sein werden. (Patrick B. M. Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)

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