Konzertschau

Mom | Caspian | This Will Destroy You – Berlin, Lido
17. Oktober 2008

In letzter Zeit wollen uns ja immer mehr Rezensenten weismachen, Post-Rock klänge heutzutage, wenn nicht sogar schon immer, auf jeder veröffentlichten Platte identisch, die Bands seien austauschbar und neue Ideen würde es sowieso nicht mehr geben. An diesem Abend im Berliner Lido wird diese Behauptungen nicht nur ad absurdum geführt, sondern gleich ins komplette Gegenteil umgekehrt. Gleich drei Bands geben sich die Ehre: Die texanischen Newcomer Mom, Caspian aus Massachusetts und This Will Destroy You, ebenfalls aus Texas. Ein beeindruckendes Lineup also, denn obwohl Caspian und This Will Destroy You auch erst einen vollwertigen Langspieler veröffentlicht haben, kann man sie schon mit Fug und Recht zu den etablierten Bands im Post-Rock zählen.

Mom, die auch dem Umfeld von This Will Destroy You stammen und später auch bei deren Auftritt aushelfen sollten, machen den entspannten Anfang. Cello, Geige und diverse knisternden Sounds aus dem Computer verbreiten von Beginn an eine intensive Wohlfühlstimmung, nach einigen Minuten sitzt das gesamte Publikum auf dem Boden und lässt sich von Moms fast hypnotischen Melodiebögen ins Wochenende tragen. Die etwas zu künstlichen Soundeffekte fallen da nicht weiter ins Gewicht, zu warmherzig ist die Darbietung an den Streichinstrumenten. Die 30 Minuten Spielzeit vergehen viel zu schnell – so sieht wohl der perfekte Einstieg in einen Konzertabend aus.

Caspian ziehen danach mit ihrer immer nach vorne preschenden Melange aus klassischen Post-Rock- und Metal- Anleihen schon ganz andere Saiten auf. Mit den ersten Tönen hat sich der Saal endgültig gefüllt und das Quartett liefert die wohl leidenschaftlichste Vorstellung dieses Abends ab. Mit zunehmender Spieldauer gelingt es der Band immer mehr, das Publikum mitzureißen und einige vormals unscheinbare Songs entwickeln hier live eine bemerkenswerte Dynamik, die genau den Spagat zwischen kompakten und ausufernden Momenten binnen kürzester Zeit vollbringt. Bei Songs wie „Sea Lawn“ und „The Drove“ ist das Eis endgültig gebrochen und Caspian zeigen, dass auch in Zukunft auf jeden Fall mit ihnen zu rechnen ist. Auch hier hätte man sich trotz einer kleinen Zugabe etwas mehr Spielzeit gewünscht, aber bei drei Bands und einer strikten Curfew von 23 Uhr bleibt nicht gerade sehr viel Spielraum.

Ein Problem, das natürlich auch auf This Will Destroy You zutrifft, die insgesamt kaum mehr als eine Stunde spielen können. Diese knappe Zeit allerdings nutzen sie meisterhaft aus und legen ein bezauberndes Set mit allen Hits – und kleinere Hits hat die Band tatsächlich mittlerweile – hin. Und wie auch schon zuvor kommt es zu einem kompletten Stimmungsumschwung: Nicht mehr schwere Gitarrenwände, sondern luftig- erhabene Klänge, wie man sie live in ihrer Intensität sonst nur noch von Explosions In The Sky kennt. Jeder Schuss ist ein Treffer, jeder Ton erzielt seine eigene Wirkung. Manchmal ist es schon fast beängstigend, mit welcher technischen Perfektion This Will Destroy You ihre Songs beherrschen und es gleichzeitig dennoch schaffen, sie wie ein Schwert in das Herz des Zuschauers zu rammen. Viele sind wie paralysiert, manche haben fast Tränen in den Augen, Zeit ist nicht mehr wahrnehmbar, wo bin ich hier eigentlich? Und so nähert sich ein herausragender Abend sehr schnell dem Ende. Um die Curfew eigenmächtig zu verlängern, sind This Will Destroy You natürlich viel zu höflich – bestechende Eindrücke gab es an diesem Abend natürlich zu Genüge.

Und, um wieder zum Anfang zurückzukommen: Wer nach diesen Auftritten noch behauptet, im Post-Rock sei alles gleich, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

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