Konzertschau

Mastodon - Matrix, Bochum
22. August 2006

Es ist Schlag acht, als mit Aschera der erste Support des Abends die Bühne der nicht mal halb gefüllten Matrix betritt. Die Koblenzer machen Hardcore von anno dazumal und sehen aus wie ihre eigenen Fans - wenn sie welche hätten. Aschera sollten sich im Nachhinein aber noch als höchst erträglich im Verhältnis zu Good Witch of The South (oder auch: Good Witch Of Se Sous), der zweiten Vorband dieses Abends, herausstellen. Die beste Lösung war, diese schreckliche Mischung aus Kid Rock, H-Blockx und schlechten Witzen so schnell wie möglich zu vergessen.

Nun, irgendwann kurz vor zehn, machen sich Mastodon endlich auf den Weg, die Fans für die akustischen Qualen zun entschädigen. Die Halle hat sich inzwischen gut zur Hälfte gefüllt. Natürlich aber ist das immer noch viel zu wenig, gemessen an dem, was das Quartett aus Atlanta in den letzten Jahren Herausragendes geleistest und dabei ein ganz neues Genre, Sludge Metal, gleichsam miterschaffen hat. Zudem hat es immer den Eindruck gemacht, dass Mastodon in Deutschland eine ziemlich große Fangemeinde haben. Somit wurde hier also wieder einmal der traurigen Vermutung Nahrung gegeben, dass es im "Ruhrgebiet" einfach nicht genügend Fans gitarrenlastiger Musik gibt, um einer im Untergrund großen Band bei ihren Auftritten einen gerechten Rahmen zu geben.

Diese Überlegungen sind aber allesamt vergessen, als vier hünenhafte Männer die Bühne betreten. Doch dieser anfängliche Eindruck täuscht, denn spätestens bei der Begrüßung ("This is our first time") merkt man, dass die vier ganz brav sind und keiner Fliege etwas zuleide tun könnten. Besonders Sänger Troy Sänders punktet mit unerwarteter Eloquenz und geistreichem Charme. Dies ändert sich wohlgemerkt, wenn er in die Songs einsetzt und seine Hasstiraden abfeuert. Eine unglaubliche Gestik und gekonnte Selbstironie machen den äußerlich so in sich Gekehrten außerdem zu einem großen Entertainer. Die drei anderen entpuppen sich vor allem als herausragende Musiker. Und gerade das, nämlich eine Formation mit gleich überragend spielenden Mitgliedern, macht eine gute Band, vor allem aber eine gute Live-Band, aus. Das Schlagzeug donnert nur so über die Bühne hinweg und die Gitarren könnten glatt mit Isis mithalten.

Die Songauswahl ist ausgeglichen und dafür, dass bald ein neues Album ("Blood Mountain") erscheint, wurden sogar erstaunlich wenige neue Songs in die Setlist integriert. Besonders "Circle Cysquatch", das große Chancen hat, auf Konzerte der nächste Überhit zu werden, sollte man sich merken. Viel stilistisch Neues sucht man bei den Songs aus "Blood Mountain" zwar vergebens; weiter tragisch ist das natürlich nicht, erst recht nicht live. Ganz im Gegenteil: Man sieht dem Publikum die Freude an, endlich wieder Neues hören zu dürfen. Die neuen Songs werden sogar besser angenommen als die meisten des letzten, etwas enttäuschenden Albums "Leviathan". Mit einer Ausnahme: "Blood & Thunder", das wohl bekannteste Lied Mastodons, bildet nach einer stunde den standesgemäßen Abschluss. Kollektives Dahingleiten in eine andere Welt. Der perfekte Sound zum Abschied. Zum Glück verstehen es Mastodon, wann es nicht mehr nötig ist, eine Zugabe zu spielen. Dies ist so ein Fall.

Außermusikalisches Highlight des Abends: Einer mit Gothic-Lederhalsband und Die-Happy-Shirt, der nach der Hälfte des Auftritts von Mastodon das Weite suchte - mutmaßlich, weil es ihm zu laut wurde. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

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