Konzertschau

Man Man - Dortmund, FZW
26. Mai 2008

Der Ritalin-Großhändler Philadelphias reibt sich in freudiger Erwartung die schwitzigen Hände, wenn die fünf Gesellen von Man Man ihre Vision von positivem Wahnsinn mit turbulentem Nachdruck durch die Membranen der örtlichen Konzerthallen wummern. Wenn Man Man auf der Bühne stehen, herrscht Ausnahmezustand im Gehirn, was vollends nicht nur ob der visuellen Kriegsbemalung und Einheitsausstattung in solidem Psychatrieweiß, sondern vor allem aufgrund des chaotischen Getöses schnell den „Tilt“-Button drückt. Überforderung ist Maßstab und so verwundert es auch nicht, dass Man Man vor allem darin gut sind, alles auf einmal zu machen. Nur schwere Psychopharmaka können diese Energie stoppen. Aber wer will das schon.

Kunterbunt ging es somit auch an diesem Abend in Dortmund zu, wo Füße nicht zwangsläufig auf dem Boden standen, sondern als Percussion-Schlegel auch gerne mal direkt unter der Hallendecke des FZWs die Becken in Schwingung versetzen. Die Gravitation hatte heute ganz sicher nicht ihren besten Tag. Überall wirbelten die Multiinstrumentalisten auf handgezählten dreizehn Trommeln, zwei Synthesizern und dem Gerümpel aus der großen Spielkiste, die wohl seit dem ersten Kuss auf dem Speicher des Reihenhauses stand. Eine Kiste mit den Verheißungen der Kindheit und dem Kleinkram, der wohl selbst als Trödlerware keine Abnehmer mehr findet. Man Man brechen in einer ernsten Welt voll Verpflichtungen und Anspruch aus und suchen ihr Heil in der Nichtigkeit, die ihr Gewicht erst nach und nach offenbart. Man Man sehen die Welt aus großen Kinderaugen, treiben den Schabernack auf die Spitze und lassen einfach mal die Exzentrik 10:0 gewinnen. Weil sie es können. Allein der Irrsinn, Rhythmen auf Menschen zu trommeln, Cowbells im Massenpack zu kaufen und nur für ein kurzes Gurgeln eine Flasche Wasser am Mikrophon vorbei in eine blecherne Schüssel zu ergießen, zeigt die Besonderheit dieser ungewöhnlichen Truppe, die live wohl zum dem Abenteuerlichsten und Spannendsten gehört, was derzeit den Globus tourt.

Der Aktionismus treibt die buntesten Blüten – das Aufzählen muss unweigerlich scheitern. Schweiften die Fünf gerade noch in den Osten Europas ab, um den Kasatschok tanzenden Russen in sich wachzurufen, da gibt es nur Sekunden später ein Gewitter aus rasanten Percussioneinlagen, die vor der Gesamtheit des uferlosen Equipments, was die komplette Bühne vereinnahmte, keinen Halt machten. Dazu wird gespukt, Grimassen gezogen, Tierstimmen imitiert und herumgetollt. Auf Kommando aufgestanden, rumgeschrieen, gefuchtelt und dabei nebenbei auch noch Musik gemacht. Mit Tröten und Saxophonen, selbstgebautem Billigramsch, Ringen, Löffeln, scheppernden Blechen und Schrottplatz-Bedarf. Wie ein trunkenes, karnevalistisch maskiertes Amalgam wurde sich durch einen dicken Band Musikgeschichte gearbeitet, immer fünfzehn Seiten auf einmal verschlingend. Tom Waits, Captain Beefheart und Zappa sind da mit einem Fingerschnipsen in einer dreiminütigen Lektion abgehandelt. In der enthusiastischen Konsequenz und mit viel Humor, aber ganz ohne Lächerlichkeit. Zwischen seekrankem Fischerfolk, dräuendem Honky Tonk und lässig dahingecroonten Schmonzetten bewegen sich Man Man auf ganz eigenem Terrain, dem auch immer ein manischer Unterton innewohnt. Manisch, wirr und vor allem: immer unberechenbar. Und wenn man denkt, es geht nicht mehr weiter, dann flutscht irgendeinem der Kriegsbemalten doch noch eine Trompete aus der Hosentasche - oder wenigstens eine grimmige Gummischlange.

Die steten Brüche und kleinen Gemeinheiten drehten in Dortmund amüsiert ihre Runden Hand in Hand über das Parkett. Was auf Platte zumal etwas halbgar erscheinen mag und nach fünf Songs in der falschen Stimmungslage enerviert die CD-Wechsler-Taste drücken lässt, steht live unter dem Eindruck gutgelaunter Dynamik und Kreativität, die sprachlos macht und gänzlich bannt. Und selbstredend wird dem eingerosteten Hüftschwung zu neuem Antrieb verholfen. Es störte da keineswegs, dass die Band gänzlich ohne schmückende Worte ein prägnantes Set hinlegte, was Traditionalismen nicht scheute, diese aber dekonstruierend und mit einer Doppelportion Entertainment aufbrühte. „Top Drawer“ und das fantastische „Ballad Of Butter Beans“ (nur original mit Golddukaten-Performance) waren neben dem zerfahrenen „Ice Dogs“ die Highlights, die an diesem Abend leider nur zwanzig Besuchern eine Stunde lang jedweden negativen Gedanken verwehrten.

Man Man - ein absolut einnehmendes Konzert einer fantastischen Liveband, die das Augenzwinkern salonfähig gemacht hat. Ein Abend, der allen Momente des Glücks eröffnet hat. Allen? Nur wohl Mutti Man Man nicht, die beim Blick in ihren Küchenschrank besorgt feststellen wird, dass das gesamte Sortiment an Töpfen nicht mehr an ihrem angestammten Platz steht. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Link: http://www.myspace.com/wearemanman

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