Konzertschau

Libertines, The / The Blueskins - Köln, Gebäude 9
7. September 2004

Natürlich war er nicht da. Hatte das jemand wirklich ernsthaft erhofft? Pete Doherty, Drogenexperte, Klinikflüchtling, Genie, sitzt an diesem Abend vermutlich in einer versifften Londoner Undergroundbar und erzählt der Yellow Press gerade mal wieder seine neuesten Crack-Befindlichkeiten.
Und so klaffte auf der Bühne des Gebäudes eine imaginäre Lücke, die nur optisch mit der angelernten Aushilfskraft Anthony Rossomando angefüllt wurde, dem aber von der Band kaum Beachtung geschenkt wurde.

Stop. Erst einmal zurück auf Anfang. Schon wochenlang im Voraus war das Konzert ausverkauft - schließlich spielten die Libertines nur zwei Shows in Deutschland und schließlich ist das vielleicht das letzte Mal, dass die Band überhaupt hier spielt. Ein denkwürdiger Tag also?
Zunächst goutierten uns die Blueskins ihre Version des 60er Jahre Rock. Ein wahrlich souveräner Guss aus melodischen Überschwängen, strukturierenden Riffsounds und einer grundsoliden stimmlichen Performance. Nur der (die?) Drummer hat es ein bisschen mit seinem Hippiehaaroutfit übertrieben. Aber vielleicht hat ihm bis heute keiner gesagt, dass das scheiße aussieht... Wir sehen uns also beim nächsten Konzert, denn die Blueskins wurden nie müde nach jedem zweiten Song drauf hinzuweisen, dass sie die Blueskins sind, sondern ernteten mehr als nur das übliches Motivationsgeklatsche. Zu recht!

Mit der Spannung stieg dann auch die Temperatur im Venue bis an. Kurz vorm Kochen standen sie dann auf der Bühne. Fünf Engländer, die Zukunft des Rock´n´Rolls, wenn ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart sie nicht einholt. Carl Barat fühlte sich immer noch sichtlich unwohl in der Position der einzige Verantwortungsträger zu sein.
Seine Stimme hält die auseinanderstrebenden Gitarren- und Basslinien zusammen und sorgt für das Spannungspotential - auch wenn Petes Nöligkeit der Band ein Mehr an Ausdruckskraft verschafft hätte.
Der Opener "Don´t Look Back Into The Sun" ging zunächst im bodenlosen Soundgekrächse ein wenig unter, fing sich daraufhin aber wieder und leitete gut 80 notorische Minuten ein.
Fast komplett reihten sich Hits aus "Up The Bracket" und dem aktuellen "The Libertines"-Album aneinander. Bassist John Hassall, der bei der Tour Dohertys Gesangsparts abfederte, zeigte der Coolness den Weg - noch nie hat es jemand geschafft über die Distanz nicht einmal seine Mimik zu verändern.
Was freilich Carl nicht ganz gelang. Emphatisch und begeisternd, dabei wie immer gewohnt abgefucked, trieb er seine Band voran. Das war das Hier und Jetzt. Der Mythos von Sex, Drugs und Rock´n´Roll - der chaotisch-tragische libertine Lebensstil zusammengefasst in einer Show. "What A Waster", "Vertigo", "Time For Heroes", die neue Single "What Became Of The Likely Lads", "The Man Who Would Be King". Eine erdige und ursprüngliche Hitshow, die momentan ihresgleichen vergeblich suchen wird. Überbordend authentisch und emotional und immer mit der unkonventionellen Libertines-Art, Songs zu winden, Melodie- und Rhytmusparts zu wechseln und dabei so subtil unterkühlt zu rocken.

Ein bisschen schade, dass Carl dabei das Publikum ein wenig aus den Augen verloren hat. Kaum eine Ansage, respektiver einer verständlichen, erreichte die Massen, die diese wohlgefällige Arroganz aber nicht weiter kommentierten. Schließlich überwogen die turmhohen Hymnen. Keine Verschnaufpause für die Band bedeutete: auch keine Verschnaufpause für das Publikum. "Boys In The Band" und drei Zugaben lösten dann ganz nach dem Motto "You only want the one that leaves you shaking" noch einmal heftige Bewegungen in der Menge aus, um sie daraufhin schwitzend und aufgelöst im Dunkeln stehen zu lassen.

Eine verklärte Gemeinschaft, die noch mehr "Good Old Days" haben möchte, Pete schwerlich vermisste und die nagende Realität nicht wahrhaben will: Diese Band steht nun am Scheideweg ihrer Karriere - in der derzeitigen Besetzung wird es mit gellender Bestimmtheit keine Libertines-Tour in Deutschland mehr geben...

(Markus Wiludda, eldoradio*)

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