Konzertschau

Liars, The / Blood Brothers - Köln, Gebäude 9
17. Mai 2004

Das Gebäude 9 ist mal wieder gerappelt voll an diesem Abend. Wir kommen so gegen 21 Uhr an und schon dröhnt uns von drinnen der Opener der Blood Brothers entgegen: "Doctor!Doctor!" In abwechselnden Sreamo / Gesang-Parts wird sich direkt mal die Wut aus dem Körper geschrien. Willkommen und guten Abend, Liebhaber der wütenden Musik. Schrill, agressiv, wild und vor allem LAUT: Ja, das sind die Blutsbrüder aus Seattle. Der Gitarrist hat sich für uns extra-chic gemacht heut abend: Im blau-weissen Matrosenanzug bearbeitet er sein Instrument, kitzelt harte Staccato-Riffs und frickelig verwirrte Klänge aus ihm heraus.
Doch bei alten Sachen von der "March On Electric Children" und Songs wie "Ambulance vs. Ambulance" oder "Suitarmy" vom "Burn, Piano Island, Burn"-Album soll´s heute abend nicht bleiben: Es gibt brandneue musikalische Elektroschocks vom nächstem Album!
Die Songs sind mehr stripped-down als auf dem letzten Album. Frickelige Noiseparts gibt´s zwar auch, dafür aber auch einige Ruhephasen mit Gesang. Insgesamt scheinen sich die Blutsbrüder des agressiven Post-Hardcores jetzt mehr mit dem (nicht erschrecken) Metall angefreundet zu haben. Ihre ursprüngliche Mischung aus Hardcore und Punk ist aber (aufatmen) immer noch rauszuhören. Und zwar genauso energiegeladen und arschtretend wie eh und je.
Eine Zugabe gibt´s von den Blood Brothers auch. Und weil sie meinen ihnen seien die Songs schon ausgegangen, kündigen sie an uns mit improvisiertem "Jazz-Stuff" zu beglücken. Stilles Erstaunen und Skepsis im Publikum, dann: Puuh, erleichtertes Abrocken - doch noch ein Smash-Hit von der "Burn, Piano Island, Burn"!!

Die Liars sind anders. Die Liars sind aus New York, flüchten aber gerüchteweise eher in die Wälder Portlands, weil sie der NYC-Hype (Post-Punk Revival blabla) nervt. Was sie da machen? Also, nachdem ich mir die "They Were Wrong So We Drowned" Platte angehört hab, bin ich überzeugt: Dass was die Liars da im Wald anstellen, ist tausendmal mystischer als hysterische Teenager die mit verwackelter Handkamera durch die Blairwitch-Wälder ziehen.
Die Liars sind atonal, rhytmisch und intense as fuck. Schon nach dem ersten Lied fühl ich mich tribalmässig in eine andere Welt versetzt. Das Gebäude 9 mutiert zum brodelnden Hexenkessel. Und auf der Bühne steht der böse Wolf: Der Sänger trägt unschuldig weisse Bäckerkleidung. Nur die eigenartige Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hat und die schwarzen Fellhandschuhe verraten den Wolf im Schafpelz. Wolf? Nicht ganz, denn im Opener "Steam Rose From The Lifeless Cloak" singt er: "I No Longer Want To Be A Man! I Want To Be A Horse"! Ein Pferd also, aha...ok
Die weirdo Klänge, die man auf der neuen Platte um die Ohren gehauen bekommt - darunter auch Naturatmo mit Donner, Getrommel und ja, sogar: Urin - kommen live nicht ganz so intensiv rüber, dafür hat das ganze mehr Beat. Das Konzert ist extrem atmosphärisch und die Songs - konsequent mal wieder nur vom neuen Album und sind trotz "Einstürzende Neubauten"-Elektronikgepiepe und Noiseattacken richtig tanzbar. Ab und zu reden die Liars auch und sind sogar recht witzig dabei. Ein Lied wird mit der Erklärung angekündigt:
"Because We Can´t Communicate, Ahm Vocally..I´m Now Doing Power-Chords I Was Shown By A Friend Earlier This Morning"...Wenn so Power-Chords klingen, sollte ich doch noch mal meine alten Tabs rauskramen...
Nach dem Konzert bin ich ein bisschen benebelt und gucke auf dem dunklen Parkplatz des Gebäude 9 verscheut umher: Sind das nicht alles Hexen und eigenartige Tiere da in den dunklen Ecken?

(Sarah Höffer, eldoradio*)

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