Konzertschau

Kommando Sonne-nmilch - Dortmund, FZW
3. Oktober 2007

STIHL, STIHL, STIHL! Oma Hans sind tot, es lebe Kommando Sonne-nmilch! Am 04. Oktober 2007 zeigte die Hamburger Kunstpunkinstitution im Dortmunder FZW, dass man der Oma keine Träne nachweinen muss.

Kommando Sonne-nmilch waren in die Ruhrpottmetropole gekommen, um der sehr interessierten Öffentlichkeit ihr neues Album "Jamaica" im Live- Rahmen zu präsentieren. Groß war das Fragezeichen nach dem Ende von Oma Hans geworden. Was würde Jensen als nächstes tun? Wie wird sein neuer Coup aussehen? Und dann "Jamaica". Das experimentelle Projekt wurde mehr oder weniger hingeschmissen und zum Punk zurückgepolt. Riffmeister Andy haut ein Brett nach dem anderen raus und Jens Rachuts wütender Gesang lässt eine Auflösung ihrer vorherigen Band ganz vergessen. Doch zurück zur Live- Präsentation dieses neuen großartigen Albums.

Eine knappe Woche zuvor hatten Kommando Sonne-nmilch bereits im Kölner Gebäude 9 gespielt (in welchem auch das vorletzte Konzert der Oma Hans- Abschlusstour stattfand). Sie erfüllten vollkommen die Erwartungen, die das Publikum an die Band hatte - allerdings sind diese nie besonders hoch oder positiv: Stimmungskanone Jens Rachut ist für seine meist mittelmäßige Laune auf Konzerten bekannt. Beim erwähnten Oma Hans- Konzert im letzten Jahr brach die Band frühzeitig ihre Zelte ab, da sie sich das damalige Crowdsurfing-Desaster nicht länger antun wollte. Und auch dieses Mal war in Köln die Stimmung beim exzentrisch wirkenden Sänger eher mies. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass eine Erkältung ihn plagte, was auch wiederum zu seiner Missstimmung führte.

Ganz anders präsentierten sich die Hamburger jedoch dann in Dortmund. Nach einer Stunde aggressiven Hardcoregebollers der Band DYSE betrat das Kommando die auf der gesamten Tour stets hübsch dekorierte Bühne: beim weltweit operierenden Kettensägenhändler STIHL hatte sich die Band einige Requisiten ausgeliehen, unter anderem eine gigantische aufblasbare Plastikkettensäge, die von der Decke hing. Bis auf Rachut selbst, der ein T- Shirt trug mit der Aufschrift "Franco ist ein Arschloch!", war die Band in ekelgrüne Overalls der gleichen Firma gesteckt worden und auch Mützchen trug jeder hübsch. STIHL hätte sich über soviel "Corporate Identity" gefreut. Gleichzeitig kam da aber auch bald die Frage auf, wie man "Die Holzfäller", den Opener von "Jamaica", der auch das Konzert sowohl eröffnete als auch beendete, noch interpretieren kann, von seiner abzieherischen Wirkung Holzfällern gegenüber abgesehen. Möglicherweise steckt da auch großes Stück Selbstironie mit in den Lyrics, möglicherweise ist einfach die Band selbst gemeint.

Nach dem erwähnten Kickstart mit "Die Holzfäller" bemerkten die gut 200 Zuschauer, dass das heute Abend ein richtig gutes Konzert werden könnte und ließen sich dementsprechend gern vom Geschrammel der Band treiben. Bei gewohnt grauenhaften Sound spielte die Band Tracks aus allen Epochen ihrer Geschichte, dabei fast alle Songs aus dem neuen Album. Nachdem es zunächst noch ein wenig Zeit gebraucht hatte, um an diesem Abend warm zu werden, war das Publikum inzwischen richtig dabei und pogte was die Knochen hergaben. Dabei trieb Rachut, euphorisiert von der sensationellen Stimmung im Publikum, seine Band an wie ein Trainer seine Mannschaft, noch schneller und noch besser und noch lauter zu spielen. Der Funke sprang auf die Band über, der des Posens nie müde Andy flirtete mit dem Publikum und Rachut tanzte armschlackernd auf der Bühne, erfreute sich an diesem Abend, lachte und lächelte, machte witzige Bemerkungen zwischen den Tracks und war einfach extrem guter Laune. Aus dem für seine Nachdenklichkeit und seinen depressiven Momenten bekannten Projekt war, zumindest an diesem Abend, eine positive Energie ausstrahlende Fun-Punk-Kombo geworden, wie sie im Buche steht. Ein ungewöhnliches Erlebnis mit Seltenheitswert.

Nach ca. anderthalb Stunden setzte Rachut erneut an, "Die Holzfäller" vorzutragen und beendete drei Minuten später ein gelungenes Konzert, das man mit Sicherheit nicht so schnell vergessen wird.(Patrick Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)

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