Konzertschau

Klangraum Phoenix (Festival) - Dortmund, Phoenixhalle
20. Oktober 2005

Recht erdenfern klickte, ziepte und knisterte es an diesem kühlen Oktoberabend im stillgelegten Hörder Stahlwerk Phoenix. Was war passiert? Nun ja, ein weiteres Mal gab es das Festival für elektronische Popkultur zu bewundern und so wurde aus der Zeche eine ganz außergewöhnliche Ausstellungsfläche und aus dem "Phoenix" der Klangraum.

Auf ganz Exzellentes durfte sich da gefreut werden, neben Donna Regina die freundlicherweise "unterstützt" wurde von Owen Pallett aka Final Fantasy hatten sich auch Dictaphone und Marsen Jules & Trio Yara (eldo*DJ Martin Juhls) angeschickt den neugierigen Besuchern allerlei überirdische Klänge mit auf den Weg zu geben.
Zunächst aber hieß es die Sinne schärfen für all die ausgestellten Arbeiten zum Thema: "Vom Verschwinden, Weltverluste und Weltfluchten". Da gab es Videoaufzeichnungen zu bestaunen, die Schnee verwehte Landstraßen zeigten, ohne selbigen herabrieseln zu sehen, welche sich unablässig veränderten, wenn man nur genau genug hinsah. Verbrannte Nutzgegenstände für ein angenehmeres Altern, wurden plötzlich zu Geschichtenerzählern, des Lebens und Todes ihrer Besitzer. Dazu gab es die letzten Takte der Kommunikationsanlagen einer in der Atmosphäre verglühten Raumstation auf die Ohren. Dann wurde man plötzlich zum Voyeur, kurz nach dem ultimativen Börsencrash und sah in eiskalten Aktionären, die Menschen dahinter, ihre Verzweifelung, ihre verwirkten Träume.
Mit den verschiedensten Mitteln, wie Videoprojektionen, Filmcollagen und Photoserien wurden beklemmende Schicksale und Grenzsituationen problematisiert. Es schnürte einem wahrlich die Kehle zu und es folgte auf der Stelle die Frage, wie ein Owen Pallett oder eine Donna Regina denn in so einen Kontext passen könnten.

Zunächst ging es musikalisch aber erstmal sperrig und düster los. Die sehr avangardistisch anmutenden, teilweise improvisiert wirkenden Sounds und Songs von Marsen Jules & Trio Yara und Dictaphone trugen ihren Teil zur aufwühlenden Stimmung bei. Da wurden die anfänglichen Erwartungen auf eine harte Probe gestellt, mit einen gewöhnlichen Konzert hatte dies nämlich fast gar nichts mehr gemein, in Etappen lief es einem kalt den Rücken herunter. Die sich immer wiederholenden Videoprojektionen auf der einen Seite, die hoffnungslosen, minimalistischen Elektronikkompositionen von Dictaphone auf der anderen, da gab es kein entrinnen. Die Zeit war gekommen dem etwas entgegen zu setzten. Ein wenig Schönheit und Glanz in dieser scheinbar nicht enden wollenden Finsternis.

Ein unscheinbarer, hagerer Mann, fast noch ein Junge betrat in diesem Moment ganz unprätentiös die Bühne, zog sich die Schuhe aus und öffnete seinen Geigenkasten, schüchtern erklärte er dem Publikum, dass er seine Songs diesmal aus live gesampelten Fragmenten entstehen lassen wolle, um somit die Komposition in den Mittelpunkt zu stellen. Daraufhin entschuldigte er sich sogleich und stellte in Frage, ob man denn etwas mit dem Produkt anfangen könnte. Ein stilles Raunen ging durch die Reihen - noch ein Experiment?!

Sogleich begann Owen den ersten Song anzustimmen, startete mit einem Sample und fügte ihn im Spiel nahtlos an den nächsten. Ein jeder konnte dabei sein, wie seine Musik langsam heran- und letztlich in voller Schönheit über einen jeden hinauswuchs. Die gesamte Elektronik wurde nur mit den Füßen bedient. Fassungslos saß man als Betrachter des Schauspiels mit dem Blick auf Owen gebannt da und konnte nicht recht begreifen, was einige Meter vor einem geschah. So zauberhaft, rein und losgelöst klang das, was dieses unscheinbare Wesen allein mit Hilfe einer einzigen Geige zu erschaffen vermochte. Eine wohlige Anziehung ging von Owen aus und schon bald füllte sich der Saal, gleich einem Lagerfeuer versammelten sich immer mehr Besucher um den zaubernden Kanadier. Owen jedoch nahm davon kaum Notiz, so versunken war er in seinem Spiel. Ergreifend, nie greifbar, ließ er Meisterwerke entstehen und begann förmlich über allem zu schweben. Erst nach zwei Zugaben, wurde er dann unter tosendem Applaus schweren Herzens von der Bühne gelassen.

Im Anschluss betrat Donna Regina, nach einer kurzen eher einstudiert wirkenden Begrüßung des Publikums und einem Hinweis auf den zu erwartendem Song und das aktuelle Album, begannen die beiden Jungs im Hintergrund zu spielen, während Donna versuchte dazu zu singen. Trotz stellenweise sehr schöner Elektronika, endeten die Songs stets in einander ähnelnden, sich hinziehenden, unterkühlt-funkigen Midtempo-Nummern. Richtig mies wurde es dann, wenn Donna gerade nichts zu singen hatte und die teilweise sehr komplex komponierten Sounds durch stumpfes Gerassel zerstörte, es wirkte so störend auf mich, dass es kaum noch einen Unterschied gemacht hätte, wenn sie das Publikum wie in einem Bierzelt zum Taktklatschen aufgefordert hätte. Unweigerlich musste man sich zurück erinnern, an die wundervolle Show des kleinen Kanadiers, zumal auch Donna einfach unsympathisch war, mit einer antrainierten Jungendlichkeit und verbissenen Entspanntheit versuchte sie zu witzeln und lobte Owen und ihr Band gerne ausgiebig. Für zwei Songs, die eindeutig unterhalb des Anspruchs des Geigenvirtuosen lagen, bat sie ihn später noch einmal auf die Bühne, sie zu begleiten. Armer Owen, als dank durfte er sich ein "Isn´t Hee Än Ängle" abholen.

Nach dem Konzert auf Donna Regina angesprochen, sagte er jedoch ausgesprochen freundlich, dass es ihm eine Ehre gewesen sei mit ihnen aufzutreten. Es folgte ein verschüchtertes wie aufrichtiges Dankeschön fürs Nachfragen. Hach, so ungern ich es auch sage, aber ich muss Donna in einem Punkt Recht geben. Auch wenn ich es nicht beweisen kann, sage ich: Owen kann sogar fliegen! Bin mir sicher. (Michael Pagels eldoradio*)

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