Konzertschau

!!!, Kissogram, The Blow - Köln, Gebäude 9
25. April 2007

Eine gewöhnliche Mittwochnacht auf einem Hinterhof irgendwo in Köln-Deutz, es ist ca. 0:30 Uhr. Obwohl wir erst Ende April haben, scheint es zumindest nach der Temperatur zu urteilen, als sei es mitten im Juli. Überall stehen völlig verschwitzte, erschöpfte Menschen. Die Menschen scheinen sehr glücklich zu sein, ja geradezu begeistert, euphorisiert.

Etwa vier Stunden zuvor saßen dieselben Menschen noch entspannt draußen, plauderten und tranken ein Bierchen, in diesem Hinterhof vor dem Gebäude 9, einer ehemaligen Industriehalle. An diesem Abend findet dort die Konzertreihe Intro Intim statt, eine Veranstaltung des Musikmagazins Intro, zu der einmal im Monat die angesagtesten Newcomer und auch bereits einigermaßen etablierte Acts der Indie- und Electroszene an den Rhein geholt werden. Die Erwartungshaltung vor dem Konzert ist hoch, doch lassen sich das die meisten der ca. 300 Gäste nicht anmerken. Für viele ist das Gebäude 9 wie ein zweites Wohnzimmer, das Durchschnittsalter beträgt ca. 25 Jahre, überdrehte Teenager trifft man, wohl auch wegen des Termins mitten in der Woche, nicht an.

Drei Bands werden den Abend bestreiten: Das Synthie-Pop-Duo The Blow, die Berliner Indietroniker Kissogram und als Headliner die Band, deren Namen auch Szene-Kennern lange Zeit Rätsel aufgab: !!! (sprich: chk chk chk). Das 8-köpfige New Yorker Disco-Punk-Kollektiv veröffentlichte vor wenigen Wochen sein hochgelobtes drittes Album Myth Takes und spielt einen seiner raren Deutschland-Gigs. Pünktlich um 21:00 Uhr betritt Khaela Maricich, die Sängerin von The Blow, die Bühne im gut gefüllten und aufgeheizten Gebäude 9. Leider bleibt sie alleine dort, den Partner Jona Bechtolt ist aus gesundheitlichen Gründen verhindert. Doch mit ihrer charmanten und natürlichen Art tröstet Frau Maricich die Besucher schnell über diesen Umstand hinweg. Immer wieder verbinden kleine Alltagsgeschichten, z.B. über Begegnungen mit Männern beim Joggen im Park, ihre new-wave-inspirierten Electro-Pop-Songs. Ein schöner Auftakt, auch wenn einigen der Redeanteil etwas zu hoch ist.

Nach einer kurzen Pause folgt mit Kissogram schon der nächste Act. Die beiden stylishen Berliner können nicht ganz so begeistern, vor allem Sänger Jonas Poppe wirkt etwas unmotiviert. Dennoch lädt ihr elektroider Zitat-Pop, der sich tief aus dem Fundus der 80er und 90er bedient, die ersten Leute zum Tanzen ein.

Als der von allen sehnlichst erwartete Hauptact !!! um 23:00 bei geschätzten 40°C endlich zu Spielen beginnt, gibts es dann kein Halten mehr: Der Energie, die das Brooklyner Oktett auf der Bühne verbreitet, kann sich niemand der Anwesenden entziehen. Wie ein Derwisch springt Sänger Nic Offer hin und her, der Prototyp einer Rock´n´Roll-Rampensau. Mit Jubelschreien und wildem Gehüpfe werden die Hits Heart of Hearts und Must be the moon quittiert. Temperatur? Bestimmt 50°C. Einen Fächer müsste man haben. Alternativ bietet sich auch ein kühles Bier an, mit dem man sich die Wange kühlen kann. Kurzzeitig drosseln !!! ihr höllisches Tempo. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Zum Schluss gibt es noch ihren alten Club-Hit Me and Giuliani down by the schoolyard, ein siebenminütiges Funk-Punk-Inferno, eine Kritik an der Politik des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani. Plötzlich entledigt sich Nic Offer seines T-Shirts und wringt es über seinem Kopf aus. Ein riesige Menge Schweiß tropft auf ihn herab. Ein Bild, das wohl mehr über diesen Abend aussagt als tausend Worte.
Kurz darauf verlassen die Besucher die Sauna namens Gebäude 9 und begeben sich in die laue Frühsommernacht. Verschwitzt und erschöpft, aber glücklich. (Julian Jochmaring, hochschulradio düsseldorf)

Archiv aller Konzertberichte

radiobar