Konzertschau

Kettcar + John K. Samson - Dortmund, Konzerthaus
7. November 2009

Es ist ja immer so, dass die Zuspätkommer die Pünktlichen zur Weißglut treiben, wenn sie Schamhaftigkeit heuchelnd unter störendem Lärm und Lichteinfall ihre Plätze suchen. Beim Kettcar-Konzert im Dortmunder Konzerthaus taten die zurückhaltend geschätzt 100 Gäste dieser Art aber vor allem sich selbst keinen Gefallen, verpassten sie doch den wunderbaren Support John K. Samson. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott eben sofort: Der gefühlvolle und kluge, einfach fabelhafte Solo-Auftritt des Frontmanns der kanadischen Combo "The Weakerthans" war besser, definitiv weniger belanglos, als ein großer Teil des mit Spannung erwarteten Auftritts von Kettcar samt angemietetem Streichquartett.

Denn die momentan so im Trend liegende Formel "Populäre Band + klassische Musiker = umwerfendes Erlebnis mit eingebauter Garantie auf gesteigerten Anspruch" ging an diesem Abend über weite Strecken schlicht nicht auf. Frontmann Marcus Wiebusch fand zwar einen Superlativ nach dem anderen um zu beschreiben, wie "umwerfend" Kulisse und Abend seien und wie "geplättet" er selbst, allein der Rezensent sah sich nicht in der Lage, in die kollektiven (pflichtbewussten?) Standing Ovations der Zuhörer-Masse im ausverkauften Konzerthaus einzustimmen. Denn das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Einzig bei "Landungsbrücken raus", "Money left to burn" und dem grandiosen "Nacht" ging das Rezept auf, die dramaturgischen Stärken der Songs durch den Einsatz der Kavallerie, also der vierköpfigen Abordnung der Neuen Philharmonie Frankfurt, auf die Spitze zu treiben. Vor allem wo die Streicher befreit, selbstbewusst und laut mitspielten, wurde klar, was hätte sein können. Überdeutlich wurde das nach dem eigentlichen Ende des Konzerts, als sich die Musiker entschlossen, bei voller Saalbeleuchtung und zum zweiten Mal an diesem Abend "Balkon gegenüber" zum Besten zu geben. Hier ergänzten sich Gitarren und Geigen nicht nur, sie spornten einander an und schaukelten sich auf. Hier sprang der Funke über und sorgte für einen fast schon magischen Moment zwischen Musikern und den freudig überraschten Fans. Direkt am Bühnenrand und mit den Mänteln in der Hand durften sie zum ersten Mal an diesem Abend mitsingen. Beinahe so wie früher.

Eine knappe Stunde lang aber hatte sich zuvor jeder Einsatz der Vierer-Combo am linken Bühnenrand reflexhaft und holzhammerartig gestaltet. Überstrapaziert statt überlegt, bedauerlicherweise. Jeder Einsatz schrie förmlich "Achtung, große Emotionen". Nennen wir es den "Balu"-Effekt, was fast schon beängstigend treffsicher jedes in den Kettcar-Songs so intelligent geweckte Gefühl zerstörte. Das Lied von Audrey Hepburn und dem Bären funktioniert in seiner ursprünglichen Version in Wanne-Eickel und New York City gleichermaßen. Eine überkandidelte Geigen-Performance nach dem Motto "Viel hilft viel" jedoch, quasi die Stadionrock-Variante fürs Bildungsbürgertum, lässt dem Stück so viel Seele, wie Las Vegas oder Dubai in sich tragen: gar keine.

Für das Fazit dieses enttäuschenden Abends sorgen Kettcar höchstselbst mit Zeilen aus "Graceland" - ironischerweise dem vierten und letzten Lied, das zeigte, dass der Ansatz eben nicht grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist. "Ich weiß, weiß, weiß, der King ist der König / Nur die tote Idee ist am Ende zu wenig."

Warum diese Idee nicht zum Leben erweckt, sondern so phantasie- und lieblos, so affektiert umgesetzt wurde, bleibt die große Frage. Heißt es nun: Der König ist tot, es lebe der König? Werden Kettcar jemals wieder dieselben sein, waren die auf der Bühne verteilten Kronleuchter wirklich so sarkastisch eingesetzt? Oder war dieser Konzertabend nach dem neuen Post-Indie-Schema F ein Schritt auf dem Weg zur Erschließung neuer Fan-, also Käuferschichten? Marcus Wiebusch trank Wein auf der Bühne, und so billig anti-elitäre Beißreflexe sind, so sehr darf man sich zumindest wundern über seine Erklärung für diesen ungewöhnlichen Umstand: "Da ist einfach weniger Kohlensäure drin." Auch dazu gibt es eine Liedzeile, die die Gretchenfrage stellt, ob man sie zynisch oder wörtlich versteht: "Irgendwie schon besser, im Taxi zu weinen als im HVV-Bus. Oder nicht?" (Tobias Jochheim, eldoradio*)

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