Konzertschau

Karl Larsson / Sodapop - Bochum, Zwischenfall
16. September 2005

Herbstliche Kühle umschleicht das Zwischenfall. Rot fällt das Licht aus den Neonröhren im Fenster und unterstreicht das jugendzentrumhafte dieser Location, die noch nie zu den gemütlichsten zählte. Nur zu gut, dass heute ein Schwede mit urwüchsigen Rocksongs und charmanter Melancholie die Atmosphäre des Draußen einfangen will. Und dazu hat er sich sogar Verstärkung geholt.

Zunächst darf aber Michael Walmsley ran, der unter dem Namen "Sodapop" sich die Gitarre umschlingt. Zwanzig Leute schauen ihm dabei zu, zumeist auf den Stufen an der Bar sitzend, so dass der überdimensionierte Raum die Stimmung wie ein Vakuum aufzusaugen droht. Sodapop macht einsame Lieder über die Liebe und was davon bleibt. Und die Songtitel sind so lang, dass man noch nachfragen kann und doch vergisst.

Stimmlich souverän schlendert er mit seiner Gitarre im Arm umher und versucht den Publikumskontakt herzustellen. Er erzählt von sich, einem Freund und grüßt nebenbei seine Bekannten, die endlich nach der Hälfte des Sets auch angekommen sind. Seine Band ist dies nicht, sie hat Besseres an diesem leeren Abend vor. Ein wenig seltsam mutete es somit an, als dann seine Freunde doch noch aus den Boxen erschallten - als Konserve aus dem Laptop. Dennoch, seine überwiegend langsamen Songs langweilen nicht, so dass der Geräuschpegel durch störende Gespräche nicht zu hoch war. Allerdings ist man nach einer gefühlten Dreiviertelstunde auch durch mit den dann doch eher zweitklassigen Befindlichkeits-Elaboraten.

Zeit für die Jungs von Karl Larsson, sich schon mal superstarmässig in den Backstage-Bereich zurückzuziehen, während der Roadie am Merchandise-Stand schon einmal einsam und gelangweilt auf einem Zettel die Verkäufe notierte: T-Shits = 0, Girlies = 0, CDs = 0. Sein Blick wanderte inhaltsleer auf die fünfte Wiederholung der neuen Robbie Williams-Single auf VivaPlus. Dieser Abend versprach eher Pflicht als Kür zu werden.

Seine Jungs enterten derweil die Bühne. Karl und seine zwei Mitstreiter Magnus und Erik. Ob sie denn wirklich so hießen und warum der Schlagzeuger sich gleich des Oberkörpers nackig machte, weiß wohl niemand. Zumindest legte der schlacksige Karl erst einmal ohne Worte zu verlieren mit "Wind In Tree" los. Seine Gitarrenarbeit: direkt, schnurrig und noch viel mittelbarer, als es auf seinem gelungenen Solo-Erstwerk "Pale As Milk" eingefangen wurde. Die Perfektion der Last Days Of April, seinem Hauptprojekt, sollte abgeschüttelt werden. Platz für Spontaneität und wuchtige Ausbuchtungen. Platz für smarte Songs mit subtiler Melancholie.

Davon war auf der Bühne aber nicht viel zu spüren. Eher gelangweilt angesichts des Zuschauerraums, der alle klaustrophobische Anfälle zu unterbinden vermochte (wenigstens hatten sich die 25, die da waren vor die Bühne gesellt), ging es dann im Programm weiter, das ausnahmslos alle der neun Songs des Albums versprach. Mit der Besetzung Gitarre / Minikeyboard, Gitarre + Gesang, Schlagzeug hatten sie nicht gerade einen druckvollen Sound gepachtet - der überforderte Mischer tat sein Übriges dazu, so dass die Doppelgitarrenfraktion so schmächtig wie ihre Statur ausfiel. Vielleicht hätte ein Akustik-Set die Intimität zurückgebracht, die Distanz zum Publikum verringert? So jedenfalls verhallten die verhaltenen Aktionen der Band im Raum.

Nach zwei Songs dann erstmals aufatmen für die Band. Zögernde Blicke im Publikum: "Darf man jetzt schon in den Schlussakkord hereinklatschen?". Abwarten, umblicken. Herrn Larsson (verständlicherweise etwas verunsichert) beklatscht sich gleich einmal selbst. Dann hatte man verstanden!
Song auf Song folgte. Mit"Devil´s Strings" und "The Stalker" hat man ja Hits dabei. Verhalten aber die Reaktionen auf eine enttäuschende Vorstellung. Und bezeichnend, dass Karl dreimal in während eines Liedes sein Plektrum verlor. Schade auch, dass die neuen, durchaus guten, eingängigeren und straighteren Songs alle "Untitled #1- #3" für das Publikum blieben und auch auf die Vorstellung der Mitmusiker verzichtet wurde. Warum Worte verlieren, wenn eh alles verloren scheint? Dass man damit nicht gerade Sympathiekärtchen in die Luft schnellen sieht, ist klar - zumal das Set nichts von einer atmosphärischen Dichte aufwies und durch Interaktion gestört worden wäre...

Lustlos und zynisch merkt Karl an, dass seine Band jetzt von der Bühne gehen werde und dann für die Zugabe wiederkäme. Das sei so üblich. Vermutlich, weil heute die "Zugabe"-Rufe ausgeblieben wären. Man war sich im Publikum nicht ganz einig darüber, ob es nun eine Zumutung für die Band sei, dass nur 25 Zuschauer sich an diesem Freitag eingefunden haben oder ob diese Band in dieser Verfassung eine Zumutung für die Besucher sei. Anteilslos nimmt man die Zugabe entgegen und ist fast froh, aus dieser unangenehmen Situation befreit zu sein, jetzt irgendeinen Funken Empathie, Gefühlswärme oder Spaß empfinden zu müssen. Auf kaum einem Konzert wurde so wenig gelächelt, so wenig gescherzt. Karl Larsson und sein Gitarrist verzogen kaum eine Miene - nur der Schlagzeuger malträtierte ambitionierter seine Felle. Dabei wollte man doch den charmanten Schweden eigentlich an diesem Abend einmal mehr sein Herz schenken - für all die wunderlichen Melodien, die angenehme Zurückhaltung auf ihren Alben. Für die Wärme, die heute erfror. (Markus Wiludda, eldoradio*)

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