Konzertschau

Juicy Beats 2009 [Festival]
1. August 2009

Ein bisschen ist es wie bei der Ewok-Feier am Ende des kultigen Star-Wars-Krachers „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“: Reichlich Fauna und noch mehr Flora werden durchdrungen von allerlei Früchten, buntem Licht und von allen Seiten her dudelnder Musik. Von Dröhnen oder Gewummer keine Spur. Zwischendrin immer wieder ein paar Menschen, die von Mittag an bis zur späten Nacht zwischen den 17 Floors hin- und hertingeln.

20.000 sollen es sein an diesem Samstag auf dem 14. Juicy Beats. Mehr als all die Jahre zuvor. Das klingt eng und viel, ist es aber gar nicht. Nach dem bescheidenen Urteil des Autors passt die selbe Menge an Leuten nochmal locker oben drauf. Dann wird es so kuschelig eng wie bei Deichkind an der Hauptbühne. Aber dazu später.

Der Westfalenpark ist zwar ein fantastischer Ort für ein Festival, verlangt allerdings auch einiges an Ortskenntnis. So kann es kommen, dass man den Großteil des Festivalbesuchs entweder mit Suchen und Erkunden der verschiedenen Bühnen verbringt, oder aber sich auf einer mitgebrachten Picknickdecke gediegen zulaufen lässt. Das Ambiente dafür könnte nicht besser sein, die Atmosphäre nicht entspannter.

Zwar bahnen sich schon nachmittags die Beats von vielen Plattentellern bei strahlender Nachmittagssonne zwischen Tulpen und Teichen den Weg in die Gehörgänge - die wirklichen Startschüsse kommen jedoch später. Etwa bei den Goldenen Zitronen: Mit einem ziemlich sperrigen Set stellt die Truppe um Sänger Schorsch Kamerun das junge Tanzgemüse vor der FZW-Bühne auf eine harte Probe. Geht der Opener „Wenn ich ein Turnschuh wär“ mit seinem monotonem Synthiegedudel noch so gerade als experimentell durch, sind Songs wie „Angst und Bange am Stück“ eher für Hartgesottene geeignet.

Macht aber nix. Bei Nichtgefallen einfach rechts umdrehen, und zweihundert Meter weiter in Richtung Hauptbühne maschieren. Da betritt am bereits frühen Abend das Berliner Kollektiv Jazzanova mit dem ungemein souligen Detroiter Sänger und Bassisten Paul Randolph die Bühne. Wer die Berliner bisher nur in Form einer remixenden DJ-Versammlung für erstklassigen Nu-Jazz kennt, darf nun auf dem Juicy Beats zum Groove der siebenköpfigen Live-Combo mitwippen. Spätestens hier offenbart sich, wie geeignet das Festival für Livemusik ist. Knapp eine Stunde lang spielen sich Jazzanova mit reichlich Stoff aus ihrem 2008er Album „Of All The Things“ zu einem der Höhepunkte dieses Festivals.

Anschließend fliegender Wechsel. Alter Ego liefern ein fast schon klinisch reines Technoset, während allmählich die Vorboten des großen Finales mit Deichkind zu sehen sind: nackte männliche Oberkörper mit pubertierendem Grinsen. Ab halb acht wird es schlicht unmöglich, dem Begriff „Bierdusche“ aus dem Weg zu gehen. Ja, es wird sie wieder geben. Genau wie vor zwei Jahren. Versprochen.

Es wird voller und voller. Der Vorhang fällt. Ein Beat, ein Satz und die Menge tobt. Mit dem Kindergartenklassiker „Alle Vögel sind schon da“ legen Deichkind Richtung und Niveau fest. Die Mischung aus riesenhaftem Schwarzlicht-Kindertheater mit simplem Gesang und satten Beats packt sie alle. So sieht es also aus, wenn man ein paar Übermütigen Hüpfburgen, Trampoline und Wasserpistolen in die Hand drückt. Highlight Nummer eins: Die Electronic Super Dance Band packt ihr Schlauchboot aus, verteilt reichlich Alkoholika in den ersten Reihen und lässt sich über die Menge treiben.

Kurz vor zehn. Die Bierdosen sind verteilt, „RemmiDemmi“ läuft und alles wartet auf das Kommando. Wer es sich jetzt doch anders überlegt, hat Pech. Die Hamburger Jungs lassen es sich nach dem goldenen Regen auch nicht nehmen, in die bierverschmierte Menge noch zwei kniehohe Cellophanrollen zu kicken. Nun kommt das Schlauchboot abermals zum Einsatz inklusive Kissenfedernschlacht. Punkt zehn ist Schluss, die Menge verlässt das Schlachtfeld. Eklig, aber glücklich.

Bei all dem Zirkus ist die wahre Perle des Festivals beinahe unbemerkt geblieben: CocoRosie auf der FZW-Bühne, die zeitgleich mit Deichkind spielen. Alle, die hier lauschen, tun das in dem vollen Bewusstsein, dass sie Deichkind verpassen. Ein hoher Preis, aber beileibe nicht zu hoch. Die Casady-Schwestern tauchen die Zeit zwischen Dämmerung und Dunkelheit in ihren ganz eigenen Klangkosmos und kommen damit dem Wesen des Juicy Beats oft näher als die ulkigen Trampolineinlagen. Der kindliche Gesang, das elektronische Geflirre und Gezirpe, die tiefgehenden Melodien und nicht zuletzt die meisterhafte Improvisation des Beatboxers TEZ machen die verpasste Bierdusche allemal wett. Als der letzte Ton verstummt, ist gerade mal Juicy Beats-Halbzeit. Die Nacht gehört den DJs. Und die Schlangen vor den Eingängen reißen noch lange nicht ab. (Martin Meuthen, eldoradio*)

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