Konzertschau

Hurricane 2004 (Festival)
25. Juni 2004

2003 war das Hurricane Festival, laut einer Leserumfrage des Festivalplaners das beliebteste Festival überhaupt.

Soviel sei schon verraten: 2004 wird es diesen Status behalten oder sogar ausge-baut haben! Und das liegt mit Sicherheit nicht nur an den grandiosen Bands die sich in diesem Jahr in Scheeßel die Klinke in die Hand gaben! Zugegeben, die Bands al-leine wären schon so ziemlich jede Strapaze wert gewesen, schließlich traten hier die Pixies auf, die Band, die Alternative überhaupt erst erfunden hat oder auch The Cu-re, die seit gut 30 Jahren beweisen wie man konsequent seinen Weg gehen und trotzdem immer etwas Neues schaffen kann.

Den Charme des Festivals aber macht viel mehr aus; die Größe, die Lage, die Men-schen. Es gehört zu den großen Festivals, ist aber irgendwie doch familiär, es liegt quasi mitten im Wald und von nordisch unterkühlten Gemütern findet sich hier keine Spur.

In diesem Jahr gab es eine entscheidende Neuerung auf dem Festival: nach 8 Jah-ren waren die Veranstalter die Zeltbühne satt und stattdessen gab es eine weitere große Bühne auf dem Gelände. Eine hervorragende Idee, die machte die zweite Bühne nämlich zu einer vollwertigen Alternative und endlich, endlich konnten auch alle die, die wollten die Bands sehen die nicht auf der Main Stage spielten! Früher war das im Zelt ja doch eher eng. Applaus für diesen Zug! Zudem wurden ganze Städte aus Wassertoiletten aufgebaut! Gold wert! Man konnte die tatsächlich auch am dritten Festivaltag noch benutzen. ;-)

FREITAG

Machen wir uns nix vor, am ersten Festival-Tag spielten zwar so einige Top-Acts, aber DAS Gespräch schlechthin waren natürlich die Pixies. Eine Band auf die sich fast alle Musiker berufen aus denen je was geworden ist, deren Einfluss unabstreit-bar RIESIG auf die gesamte Musikszene ist. Einige Q-ollegen (hallo Markus! ;-) sind für die Pixies sogar an Ordnern vorbei über Zäune gesprungen um dann direkt vor Mister Frank Black einen lang ersehnten Traum wahr werden zu lassen: Pixies live!
Über das Publikum bei den Pixies habe ich verschiedene Theorien: entweder sie wa-ren vor lauter Glück so selig dass sie sich nicht bewegen konnten oder sie versuch-ten still zu stehen um ja keinen Ton zu verpassen oder ihnen war einfach zu kalt um sich zu bewegen oder die Pixies machen Musik für Liebhaber, da muss man sich nicht bewegen, man genießt sie einfach so oder sie waren alle doof!
Erst bei „Where is my mind?“ kam Bewegung auf (das Lied ist aber auch zu schön!!) und dann war der Zauber auch schon wieder vorbei. Keine Zugaben, schade.

30 Minuten konnte dieser Auftritt wirken, dann ging’s auf der Main Stage auch schon mit Placebo weiter. Placebo sorgen bekanntermaßen für ne volle Hütte und mit dem wirklich schönen Set vom Hurricane hatten sie sich die auch verdient. Songs vom immer noch aktuellen Album „Sleeping With Ghosts“ standen alten Klassikern wie „Nancy Boy“ (yeah!) in nichts nach. Das Piano hat sich leider standhaft geweigert Töne von sich zu geben, so musste darauf verzichtet werden. Schade zwar, aber nicht wirklich tragisch. Viel tragischer war, was Herr Molko da mit seinen Haaren ver-anstaltet hatte! *kreisch* Ich bin mir nicht sicher ob ich das noch Frisur nennen darf ohne dafür Haue vom Friseur nebenan zu bekommen… Zum wegrennen!

Und das tat ich dann auch, zur 2nd Stage um Mogwai anzugucken. Hach, schön. Sehr stimmig, sehr relaxed. Da es mittlerweile auch in Scheeßel dunkel geworden war, waren Mogwai die ersten bei denen ich eine tolle Lightshow gesehen hab’. Passte sehr schön zur Musik und bereitete den Weg für Air, die als letzte Band des Abends auf der 2nd Stage spielen sollten. Erst aber gab’s auf der Main Stage noch the one and only David Bowie!!

Wow! Noch mal: wow! Der Typ ist der coolste überhaupt! Eine Persönlichkeit mit sei-nem Status könnte locker die Diva raushängen lassen, aber David Bowie war einfach nur ein lockerer, unarroganter Typ der mit seiner Band ein bisschen Musik gemacht hat! Super sympathisch! Kleine Anekdote: Bowie steht in Jeans, Chucks und sehr dünnem, samtenem Mäntelchen auf der Bühne, es sind wohlgemerkt nur ca. 12°C, er lässt sich mit einem dicken Grinsen und den Worten „Well, I suppose this is not something to wear on a summer night…!“ einen Kapuzenpulli reichen und zieht sich mal eben um. Lässig!
Seine Musik vereinte dabei drei Generationen von Festivalgängern; von „Ziggy Star-dust“ bis „Reality“ war fast alles dabei, „Heroes“ hat er auch gespielt und so viele tolle Songs mehr. So unterschiedlich die Songs seiner 30-jährigen Karriere auch sein mö-gen, live harmonieren sie phantastisch und die tolle Band verdient an dieser Stelle auch mal ein großes Lob.

Der Freitag ging mit Air auf der 2nd Stage chillig zu Ende. Mit viel angenehmer Musik und sehr französischen Ansagen („Hurricane, isch liebe Disch!“) verstanden Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel es, ihre Fans sanft einzusäuseln, im positiven Sinne versteht sich. Das war ein Set bei dem ich gerne die Sterne gesehen hätte.

SAMSTAG

Den Samstag habe ich komplett ruhig angehen lassen, zu viele gute Bands warteten heute darauf angesehen zu werden. Allen voran natürlich meine großen Helden The Cure, die der Hauptact des Tages waren und dementsprechend spät spielten. Also war ausschlafen angesagt.

Etwas ärgerlich ist allerdings, dass ich deswegen Snow Patrol und Tomte verpasst habe, die beide laut Augen- und Ohrenzeugenberichten hervorragend gewesen sein sollen, trotz der frühen Slots.

Was da laut Ablaufplan auf der Main Stage passieren sollte war aber auch einfach zu gut, so dass ich die 2nd Stage an diesem Tag etwas vernachlässigt habe.

Als um halb sechs Franz Ferdinand auf die Bühne kamen, stand das Hurricane Fes-tival Kopf! Bei strahlendem Sonnenschein wurden die vier Schotten ohne Ende abge-feiert und es sah so aus, als könnten sie selbst kaum glauben was da passierte. Gut, wenn man so unglaublich schnell so groß wird ist das wahrscheinlich auch schwer zu begreifen. Sie spielten sich jedenfalls die Seele aus dem Leib und das Publikum wurde zu einer einzigen tanzenden Masse!

Die einzige wirkliche Enttäuschung dieses Festivals betrat direkt nach Franz Ferdi-nand die Bühne: Monster Magnet. Langweilige Show, nicht mein Ding. Das einzig in-teressante waren die beiden GoGo-Girls auf der Bühne und das sage ich als Frau! Trotzdem: es war picke-packe-voll vor der Bühne, anderen scheint’s also gefallen zu haben.

Danach zog es einen Grossteil des Publikums erst mal zur 2nd Stage, wo Billy Talent bereit standen! Rock’n’Roll, verdammt laut! Ich habe mir die Jungs nur etwa eine halbe Stunde angeguckt, auf der Main Stage fing nämlich bereits PJ Harvey an zu spielen! Letztes Jahr auf dem Terremoto hab ich sie wegen Stau verpasst und das sollte mir nicht wieder passieren!
In ultra-knappem Kleid und pink-farbener Strumpfhose sieht bestimmt auch nur Miss Harvey gut aus! Mit DER Stimme ist aber eigentlich eh völlig wurscht was die Dame anzieht, die Songs sind einfach grandios. Ein bisschen Avantgarde, ein bisschen Rock und alles irgendwie schräg ergab am Ende trotzdem einen tollen Auftritt.

Das sollten die Hives erst einmal toppen. Lange mussten wir auf die Rückkehr des Schwedenfünfers warten und wir sollten nicht enttäuscht werden! Mit dem Material von ihrem neuen, bescheiden- „Tyrannosaurus Hives“ betitelten Album (erscheint am 20. Juli!) wurde es zu einer leichten Aufgabe das Publikum zu lautstarken Liebesbe-kundungen zu animieren. In ihren schmucken weißen Anzügen mit Gamaschen machten sie auch optisch einiges her. Natürlich durften Songs wie „Hate to say I told you so“ und „Main Offender“ nicht fehlen, die sich mittlerweile in den Playlisten von nahezu jedem Rock-Club einen Stammplatz gesichert haben dürften.

Die Aufregung steigt, die nächste Band auf der Main Stage sind The Cure! Just er-schien ihr neues Album (das man auf dem Festival schon vor allen anderen kaufen konnte) und ich konnte es kaum erwarten das live zu hören. Das Set war wunder-schön, Simon wie immer der coolste Basser, Robert schüchtern wie eh und je. Den neuen Songs war schon irgendwie der Einfluss von Ross Robinson anzuhören, be-sonders in den deutlich dickeren Bässen. Trotzdem war’s der typische Cure-Sound, unverwechselbar! Auch wenn mir hierbei warm um’s Herz wurde, meine Hände wa-ren dermaßen erfroren dass ich kaum klatschen konnte. Hallo Sommer??

Zeit also um schnell in ein warmes Bett zu verschwinden, auf Within Temptation kann ich gut verzichten. Ihr „dezentes“ Bühnenbild wirkte eher lächerlich, braucht kein Mensch. Ob’s nur daran lag dass so viele Menschen Richtung Zeltplatz strömten o-der ob’s die Kälte war, ich weiß es nicht.

SONNTAG

Viel zu wenig Schlaf verzeichnend, eigentlich noch mitten in der Nacht ging es am Sonntag wieder auf’s Gelände wo McLusky den Tag auf der 2nd Stage eröffneten. Und was sahen wir? Es war gerappelt voll vor der Bühne und das um 12h morgens!! Die Jungs haben gut gerockt, Respekt!

Nach McLusky wurde es deutlich leerer, die Leute verkrümelten sich wohl wieder in ihre Zelte. Welch’ Frevel, denn dadurch verpassten sie die Bones. Die Band war gut, aber im Publikum waren so große Lücken das eine wirkliche Stimmung nicht auf-kommen wollte. Da fiel es auch nicht schwer nach einer halben Stunde vor die Main Stage zu wechseln und die dreckigsten Rocker Schwedens, die Backyard Babies, anzuschauen. Aargh, wer legt denn ausgerechnet diese Bands zusammen?? Die Babies sind ja eigentlich eine Band die wie Schwein rockt, aber sie sind nur bedingt Tageslichttauglich. Sehr gut, ich war also nicht die Einzige der diese frühen Slots nicht schmeckten. Die Schweden waren grade einen Abend vorher aus der EM ge-kickt worden, so ging dann auch „Brand New Hate“ mit bestem Gruß nach Holland. Das Axl Rose – Lookalike (und Sänger der Band) Nicke Borg nahm am Ende des Auftritts endlich sein grässliches Kopftuch ab und verabschiedete sich zum Frühstück und auf einen Drink.

Ash waren die nächsten am Start und wo kamen auf einmal diese vielen Menschen her?? Innerhalb von kürzester Zeit waren die begehrten Plätze vor der Bühne verge-ben und zeitgleich mit der Band auf die Bühne kam auch die Sonne wieder hervor! Und yeah, sie sollte den ganzen Tag über nicht mehr verschwinden! Ash haben dann ganz passabel gerockt, aber der wenige Schlaf der letzten Tage forderte Tribut. Also nach dem Gig auf zur Prince-Area! An dieser Stelle sei mal etwas Werbung erlaubt, die haben sich da eine Menge einfallen lassen. Zum einen konnte man in der Prince-Area in Liegen und Strandkörben herrlich schlafen, in der Body-Wash-Anlage du-schen und sich anschließend im Body-Fön wieder trocknen lassen. Danach konnte man sich auch gleich frisieren lassen, was aber für einige nach ihrer Ausnüchterung zu einem unangenehmen Erlebnis geführt haben wird… *g* Dafür schenkte Prince den Teilnehmern hinterher auch noch schmucke Unterwäsche, in knallrot!

Nach einem feinen Nickerchen lockte die Aussicht auf weitere Konzerte wieder vor die 2nd Stage, wo dann auch direkt die Dropkick Murphys aufspielten. Manchmal ist weniger Dudelsack einfach mehr, hätte ihnen vielleicht einer sagen sollen. Na ja, wir haben’s tapfer durchgestanden und das anschließende Konzert der Beatsteaks war das warten komplett wert!

Cypress Hill dürfte vor einer leeren Wiese gespielt haben und es wurde schnell klar wer die heimlichen Stars dieses letzten Festivaltags waren: die fabelhaften Beat-steaks! Boah, waren die geil! Da blieb kein Auge trocken, ich wette die haben sich vor Freude in die Hosen gemacht. Sänger Arnim vergaß zwischendurch vor lauter Begeisterung sogar seinen Text und selbst hinter dem zweiten Wellenbrecher waren ununterbrochen Crowdsurfer unterwegs! Bei „Kings of Metal“, wo sich die Band ger-ne mal einen Gasttrommler aus dem Publikum sucht kam auf einmal Eizi Eiz von den Beginnern auf die Bühne und schnappte sich vom deutlich verdutzten Sänger die Drumsticks. Ganz großes Kino!! Damit hatte keiner gerechnet, das war nicht bespro-chen. Total geil! Die Masse feierte und Arnim ließ es sich daher nicht nehmen mal wieder sein Surfbrett auszupacken und eine kleine Runde über den Köpfen und auf den Händen der Zuschauer zu drehen.

Mit diesem schönen Gig sollte für mich dieses Festival enden, Zeit den Heimweg an-zutreten. Jener funktionierte auch ganz prima, schließlich war die Autobahn sogar vom Parkplatz aus ausgeschildert! Da hat jemand mitgedacht, großes Lob! Nächstes Jahr wieder!

(Kristina Budde, eldoradio*)

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