Konzertschau

Hillside 2004 (Festival)
5. August 2004

Wir standen ewig im Stau und so erfuhr ich die Ankündigungen von Änderungen im Programm nur aus zweiter Hand: so war unser aller Lieblings-Abiturient aus Augsburg Roman Fischer verhindert, der von den mindestens ebenbürtigen Anajo ersetzt wurde, so wie Naked Lunch, die an diesem Tag doppelt gebucht waren und sich leider gegen Tölz als Auftrittsort entschieden. Für sie spielten die Münchener Lokalmatadoren von Cosmic Casino. Beide Ersatzbands spielten ein grundsolides Programm, doch hatten sie in der bayerischen Provinz keinerlei Fanbase wie etwa in München oder beim Pop-City und so blieben Gekreische sowie Mitgrölen aus.

Campus, die neuen Aufsteiger in Sachen, richtig, Studenten-Mucke oder College-Rock (wie immer man es nennen will), spielten im Anschluss, doch so richtig Stimmung wollte trotz guter Festivalmusik nicht aufkommen. Danach war Flo, der Schlagzeuger von Sportfreunde Stiller, mit seiner Nebenkapelle, die den schönen Namen Bolzplatz Heroes trägt, am Start. Der gute Florian schrie sich dabei gehörig die Seele aus dem Leib, doch die Songs klangen eher nach Proberaum, als nach großer Bühne, was aber von den nonchalanten Ansagen (incl. Ergebnisprophezeiung für´s erste Spiel der 60er) wieder wettgemacht wurde. Ach ja, und die Eckfahne als Mikroständer kam auch gut.

Langsam füllte sich das bis dato spärlich besuchte Rollfeld vor der Bühne. Denn nun kam Superpunk und die machten ihrem Namen alle Ehre, obwohl sie ja auch den Soul anbeten. Man merkte sofort, dass diese Herrschaften nicht erst seit gestern im Showbiz sind, was nicht nur am ergrauten Haupthaar des Schlagzeugers lag, sondern am gesamten Auftreten. Sie spielten neue Stücke, des kürzlich erschienenen Albums „Einmal Superpunk, bitte" genauso wie alte Kracher. Obwohl die wenigsten mitsingen konnten, feierten alle Zuschauer bei jedem Lied von neuem ab. Doch dies lag nicht nur an der Güte der Songs, sondern auch an den Ansagen des Sängers Carsten Friedrichs: „Leute fragen mich: Fühlt ihr eigentlich noch was anderes außer diesen Hass? und ich antworte: Natürlich: Wut, Abscheu und Ekel." oder „Jetzt kommt unser einziges Liebeslied, es heißt: Bitte verlass mich." Kurz gesagt Superpunk hatten nach den ersten drei Lieder schon gewonnen und hielten die Stimmung über den gesamten Auftritt auf diesem hohen Niveau. Die Zugabe „Ich bin kein Ignorant, ich bin kein Idiot" spielten sie dann sogar noch lauter („Wir müssen noch mehr aufdrehen, wir haben schließlich einen schlechten Ruf zu verlieren.") und auch schneller als das Original. Abschließend bleibt zu sagen, dass wohl noch niemand so höfliche Punks gesehen hat, denn sie bedankten sich brav nach jedem Lied und "Bitte" ist eines ihrer Lieblingswörter.

Nun verglühte die Sonne langsam am Karwendel-Massiv, was sich idyllisch hinter der Bühne ins Bild fügte auf der nun Adam Green wahrlich zu unterhalten wusste. Er reihte geschickt Songs des Erfolgsalbums „Friends of mine" an neu geschriebene und solche seines ersten Albums, so dass ein einstündiger Spannungsbogen entstand. Die neuen Songs sind rockiger und seine Texte genauso obszön wie eh und je („Carolina , she is from Texas and her breasts taste just like breakfast."); man kann sich also schon auf das nächste Album freuen. Zwischen den Songs war er jedoch nicht sehr gesprächig und wirkte noch übernächtigter oder wahlweise rauschgiftig verwirrter als sonst. Sein einziges Statement war, dass er einen schlimmen, großen Zeh in seiner Hose habe, verwehrte aber die Auflösung, ob es sich nun um die Größe seines Genitals oder um Hämorriden handelte. Er tanzte ausgelassener denn je über die Bühne, hüpfte, schunkelte, moonwalkte, mit flatternden Armen und verrücktem Grinsen auf dem Gesicht. Dann kam noch ein Geburtstagsständchen für den Gitarristen und eine Rockversion von Salty Candy, bei der Adam gehörig kreischte und dann war Schluss. All der Jubel und die minutenlangen Zugabe-Rufe blieben unerhört, was zwar schade aber nur konsequent war.

Als Hauptact spielten dann schon wie im Vorjahr und dem Jahr zuvor und dem Jahr vor dem Jahr zuvor und eigentlich seit es das Hillside überhaupt gibt die Sportfreunde Stiller. Plötzlich kamen auch die faulsten Alkoholopfer aus ihren Zelten und vor die Bühne gekrochen. Die Rollbahn war überfüllt und auch die Stimmung schäumte über. Ein absolutes Heimspiel also für die, nur von Fans liebevoll so genannten, Sporties. Diese gingen jedoch größtenteils auf Nummer Sicher und spielten alle ihre Mitgröhl-Refrain-Lieder, nur durch circa 10-minütige Orgien des Girarren-Stimmens und Nonsence-Erzählens unterbrochen. Das Abschlusskonzert hatte also keine Überraschungen parat und jemand neben mir fasste das Set der Sportfreunde treffend zusammen: Erst eine ruhige Strophe und dann kracht´s, aber das können sie. Na dann, bis nächstes Jahr.

(Martin Silbermann, Kanal C)

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