Konzertschau

Hecker, Maximilian - Dortmund, Pauluskirche
15. Oktober 2005

Lieber Maximilian,

heute hattest du dich mal wieder so richtig chic gemacht, schließlich gibt es nicht jede Woche ein Konzert in der Kirche! Eine dunkle Jeans und ein eng geschnittenes hellgraues Hemd - sehr leger, aber gut! Okay, das mit deinen knallroten Fingernägeln und dem Brustbewuchs zeigte einmal wieder deine extravagante Ader, aber das sind wir ja gewohnt. Obwohl du dich normalerweise eher schüchtern zeigst. Schließlich quittiertest du auch den Blick auf die wartende Menge am Eingang mit den barschen Worten "Oh, das ist ja grauenhaft...". Nur zu gut, dass du immer drei Sympathie-Joker in der Hosentasche hast. Übel genommen hat dir das jedenfalls niemand im Vorraum.

Als sich dann aber die Kirchenbänke gut gefüllt hatten und das schummrig-bunte Licht auf euch gerichtet wurde, hast du dich ganz schnell an dein E-Piano gesetzt und ein bisschen nervös die ersten Akkorde von "Sunburnt Days" in die Tasten gezaubert. Das mit den großen Begrüßungsgesten ist ja auch immer ein bisschen peinlich. Du hast doch deine Musik, und es reicht eigentlich, wenn du und deine drei Mitstreiter diese zum Besten geben, meinst du immer. Aber da deine Musik zum Besten gehört, was deutsche Songwriter auf die Reihe kriegen, ist klar, dass da auch noch ein paar Menschen zugucken wollen. Hey, das war doch deine Show heute!

So viel gefühlvolle Zerbrechlichkeit und intime Größe - das macht dir keiner so schnell nach. Deine Stimme übrigens auch nicht. Herrlich, wie du dich wieder in die Kopfstimme geschmissen und filigran gehaucht die Refrains intoniert hast. Ja, ich geb´s offen zu, da war die Gänsehaut nicht mehr weit: Wohlige Schauer jagtest du durchs ganze Kirchenschiff.

Und da du dich wirklich nur wohl fühlst, wenn du musiziert, hast du auch geschickt jede Pause vermieden und machtest den ersten Halt nach Song drei. Da hast du allen Mut zusammengenommen und einfach mal Danke gesagt. Für solche Überwindung gab´s dann auch wirklich lauten Beifall. Und für deine Songs erst! "Full Of Voices", "Summer Days In Bloom", "Help Me" und und und. Ganz toll! Dein Gitarrist ist an dieser Stelle zu erwähnen, der hat´s echt drauf. Welche Sounds der immer aus seinem Griffbrett gewürgt hat - großartig. Präzise und tadellos. Was man ja von deinem Bassisten nicht so behaupten konnte. Nachdem du "Cold Wind Blowing", ganz filigran und auf Akustikgitarre gezupft, begonnen hattest und der brachiale Break kam, wo Schlagzeug, Gitarre und Bass einsetzen, da hatte Philipp geschlafen und die Lautstärke komplett weggedreht. Jaja, immer diese Viersaiter... Aber gerumpelt hat es schon! Von solchen verqueren Noise-Kaskaden wollen wir bitte mehr, auch wenn´s auf Dauer sicherlich ein bisschen zu laut für deine Ohren ist, oder?

Warum sonst hast du erst einmal ganz heimelig alleine weitergemacht? Aber deine Stimme ist echt streichzart wie Philadelphia. Ach, sorry mal eben für diese Metaphern, ich wollte doch ohne jegliches intellektuelle Geschwurbel hier auskommen, auch wenn das zu deinen Songs vielleicht ganz gut passt. Obwohl es da auch immer nur um die Kardinalsthemen der Melancholie geht ist das diese geheimnisvolle Tiefe. Aber apropos Wortspiele: Dein Monolog zu den gespielten Songs war mal wieder göttlich! So lustlos und doch interessiert, so platt, aber doch so charmant hast du die Titel runtergerattert und Orlando Bloom und Björk mit ins Spiel gebracht. Alleine dafür musste man dir danken!

Dein Bassist wollte sich bei dieser Gelegenheit auch noch ins Rampenlicht setzen und tuschelte in dein Ohr, aber du bliebst cool und sagtest wie immer nur: "Er will seinen kleinen Bruder grüßen! Das sag ich aber immer, wenn er mir was in Ohr flüstert." Sehr souverän hat das gewirkt, aber schließlich will man sich nicht vor seinen Eltern blamieren - denn deine saßen ja auch in der ersten Reihe.

Mit "Polyester", "I´m Falling Now" und "Lady Sleep" beendetest du das offizielle Set, nachdem du jedem klar gemacht hast, wer denn hier große Gefühle in fabelhaft arrangierte Songs verpacken kann. Du natürlich.
Dann gab´s wieder Applaus (ja, schon wieder), ihr gingt von der Bühne (der Bassist schwang sich noch cool sein Jacket über die Schulter...hihi) und schwups musstet ihr für zwei Zugabensets wieder drauf. Dass du noch die beiden neuen Songs durcheinander gebracht hast? Geschenkt. Schließlich kommt man ja ziemlich ins Schleudern bei so vielen Titeln. Zum Auswendiglernen hast du dann ganz am Ende gleich deine Setlist mitgenommen. Das passiert dir nicht noch einmal. Schließlich bist du Perfektionist und so und willst dich auch immer korrekt ausdrücken, was dir natürlich nicht immer gelingt und dann in urkomische Pausen an den unmöglichsten Stellen endet. Aber dieses kauzige Getue ist bei dir nicht Show, du bist einfach so. Und ärgern tut dich das ja eigentlich auch nicht. Vielleicht, dass die Leute dann immer so schmunzeln, aber das ist halt der Preis für die gezollte Aufmerksamkeit.

Aber es war ein toller Abend und dein Gitarrist hat sogar ins Publikum gelächelt. Während du dich im Backstage-Raum wieder von den vielen Menschen erholen konntest, bin ich nach draußen in die Kälte getreten. Aber das konnte mir nichts anhaben, denn deine Songs wirkten immer noch wie ein flauschiges Wärmkissen nach. Das machen wir mal wieder, oder?

Viele Grüße,
Dein Markus

(Markus Wiludda, eldoradio*)

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