Konzertschau

Haldern Pop-Warm Up 2008 - Haldern, Saal Tepferdt
14. Mai 2008

Das Haldern-Pop-Festival wird 25. Das muss gefeiert werden. Aber angemessen. Eine bekannte Location in einer großen Stadt? Pustekuchen. Es sollte immerhin traditionell gefeiert werden. Und wofür steht das Haldern-Pop-Festival/-Label seit jeher? Großes Musikverständnis und einen unabhängigen, erfahrenen Gaumen was Nischenbands, kleine Künstler mit großen Ideen, und unentdeckte Perlen angeht. Und natürlich steht es, genau, für seine ländliche Herkunft. Und genau dieser sympathischen Mischung sollte der heutige Geburtstag gerecht werden, bevor im Sommer dann das große Festival ansteht. Eine bunte Mischung aus Dorfkundigen und Großstädtlern (Kulturschock!) findet sich ein im „Saal Tepferdt“, einer großen Kneipe im Fachwerkhaus-Stil, die einem Schlagerparties und Skatabende der Dorfmännerschaft in den Verstand ruft. Schon die Besetzung verheißt einen tollen Abend: Guillemots, White Rabbits, Soko und Loney Dear.

Dass die sympathischen Popindiejazz-Akrobaten Guillemots den Anfang machen sollen, ist natürlich grober Unfug. Normalerweise füllen sie (zurecht!) große Hallen in London, heute passen nicht mal alle Bandmitglieder auf die Bühne und der Sound in der Kneipe ist zwar druckvoll, aber eben doch leicht hölzern. Aufhalten lassen sie sich davon nicht. Vielmehr spielen sie ihre Songs mit einem ironischen Augenzwinkern, das der zugegebenermaßen schon leicht befremdenden Umgebung gilt, und haben sichtlich Freude daran. Das sollte man an diesem Abend übrigens noch öfter zu sehen bekommen. Zum Anfang kommen die neuen, die schrillen, live dann doch überraschend gut funktionierenden „Red“-Songs und finden einige Sympathisanten. Wer die Band schon kannte, es schienen nicht viele zu sein, wartete neben der tollen Bassistin natürlich auf alles vom wunderbaren Pop-Manifest „Through The Windowplane“. Vier schmissige Songs später dann die sich erst versteckende, bald bunt schillernde, große Liebeserklärung „Lovesong #43“ und die zum Tanzen zwingende und zum Sterben schöne Jugendhymne „Trains to Brazil“, bevor Sänger Fyfe Dangerfield und seine Gitarre bei einer schwerelosen Solo-Version von „We’re Here“ das größte Kompliment erhält, indem das Publikum sich fesseln lässt und den ansonsten leider stetig vorherrschenden Quassel-Pegel herunterschraubt. Nahezu perfekte Momente in einer knapp bemessen Spielzeit.

Weiter geht es mit den New Yorker-Upperclass-Boys von White Rabbits, ebenfalls für viele ein unbeschriebenes Blatt, und ebenfalls sicher nicht mehr nach heute Abend. Ausgestattet, mit zwei Drummern (schön, dass es das auch noch gibt) gehen sie sofort aufs ganze, mit ihrer bösen, aber nicht bösartigen, dunklen, aber nicht düsteren, zornigen, aber nicht aggressiven Interpretation des Indie-Rock. Auch wenn sie es nicht über die komplette Spielzeit durchhalten, erstmal wird man mitgerissen von diesem Wirbel aus wuchtigem Stampfen, trockenen Gitarren und exzentrischen Pianostückchen. Leider raubt der besagte Quassel-Pegel dem ganzen etwas die leisen Töne, einer der kleinen, agilen Boys an den Gitarren reagiert mit einem lächelnden „Sorry for interrupting your conversation…“. Gegen Ende holen sie sich erst Soko, dann gleich alle Mitglieder aller Bands auf die Bühne um mitzutanzen und sich an Tamburin und ähnlichem zu verausgaben. Es geht nett zu, heute Abend.
Wenn da nicht Soko wäre.

Soko, wohl als Kate-Nash-Double engagiert, mangelt es an Talent und Authentizität. Weder sie noch ihr Kumpane spielen gut Gitarre oder Schlagzeug. Mehr kommt neben einer Ukulele, offenbar um schiefe Töne zu tilgen ebenso verzerrt wie die Gitarre, an Instrumenten aber nicht vor. Des Weiteren macht sie den Fehler ihren großen Hit gleich zu Beginn zu verfeuern. Es gibt einmal großen Applaus, dann wird es immer weniger. Die Songs sind zum größten Teil ziemlich überdreht. Sie giggelt, lässt das Gesicht wieder fallen, täuscht einen hippen Akzent vor, ist eine Marionette verschiedener Trends, kann es aber nicht gut verkaufen. Und wird vom Publikum mehr und mehr geschnitten. Da helfen auch nicht die zwei netten Balladen an Startposition 3 und 4. Da hilft auch keine Feder im Haar und auch kein niedliches Tigerkostüm. Das Gequassel während ihres ruhigsten Stückes wird mitunter so laut, dass man ihr die Wut ansehen kann. Sie ist jung und tut einem Leid. Die Zugabe fällt aus.

Loney, Dear machen diesen einen Ausfall an einem tollen Abend sogleich wieder vergessen.
Im Gepäck haben die Schweden den ihnen eigenen Schmacht-Pop, mit den niedlichen Arrangements und dieser so wirksamen Nettigkeit. Sie sind mal wieder zum Liebhaben. „I am John“ dreht das Karussell immer schneller und setzt die Menge in Bewegung, bei „Saturday Waits“ wird das Lächeln prompt erwidert. Der Gänsehaut-Singalong „The Meter Marks OK“ erkennt das Potential der heute so redseligen Zuhörer an der rechten Stelle und funktioniert prächtig. Die B-Seite „Ignorant Boy, Beautiful Girl“, gleichzeitig schönster Song von Loney, Dear, mit Unterstützung von zwei White Rabbits gesungen, wartet am Ende, winkt aus der Ferne, und sieht aus der Nähe noch viel besser aus. Die Leute haben Lust auf noch mehr Süßes, und Loney, Dear lässt sie noch einmal naschen. Happy Birthday Haldern-Pop! (Sven Riehle, eldoradio*)

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