Konzertschau

Haldern Pop 2008 [Festival]
5. August 2008

Sven und Michael, Claudia und Ulla, Jörg und Steffi, Jens und Tommy: Die Liste der zufällig Wiedergetroffenen ist lang. Man kennt sich eben in Haldern und genau deswegen kehren viele der Besucher immer wieder auf die überschaubare Pferdekoppel am Niederrhein zurück. Manche sogar zum 24. Mal – pünktlich zum diesjährig silberfarbenen Jubiläum, das die Festivalmacher mit erlesener Musikfeinkost aufgefüllt haben. So sensationell gut, dass sich auffallend viele englische, dänische, holländische Stimmen unter das sonore Deutsch mischten.

„The Pic Of Obama is cracking me up“, Fleet Foxes

Nachdem der zähe Beginn mit introspektivem Kammerfolk von finn. und Songwriter Norman Palm im inzwischen etablierten Spiegelzelt mit einem Anfangsgähnen überstanden war, stand mit den Amerikanern Fleet Foxes die Band des Sommers unter dem brokatsamtig verhangenen Himmel. Die rundlichen Mehrstimmen-Songs meisterten die New Yorker mit Erhabenheit und Stimmfülle, es waren zweifelsohne Könner am Werk. Könner jedoch, deren Perfektionismus die Pausen zwischen den Songs zerdehnte, wie ein Luftballon seine dünne Außenhaut: „No more smoke, lights down, vocals up!“. Dennoch: Prädikat "sehr gut". Mehr Spontaneität zeigten daraufhin ihre Landsleute von Yeasayer, die die vorherrschende Behutsamkeit mit Energie tauschten. Sie türmten ihre Ideen kreuz und quer durch den Raum, ließen als Band die singulären Stärken der einzelnen Elemente hervorschnellen und vollführten ein rasantes Set, dessen chaotische Strukturen Tanzbarkeit und Spielfreude darboten. Mit ihren Minihits „2080“ und „Wait For The Summer“ zeigten sie in Reinkultur, was es bedeutet, eine Liveband zu sein.

Zweifelsohne beanspruchen auch die Flaming Lips (aus Oklahoma City, Oklahoma) seit Jahren diesen prestigeträchtigen Titel. Während Frontmann Wayne Coyne ins Mikrophon krächzte umgab er sich mit dem berühmt verschwenderischen Kindergeburtstags-Kramladen, der pünktlich zum Opener „Race For The Prize“ Haldern in bunte Schnipsel hüllte. Die Ablenkung war and diesem Abend ebenso nötig wie unterhaltsam: Luftballons, Konfetti-Kanonen, Video-Leinwand, Luftschlangen und Laser-Show. Die visuelle Überforderung und Ideenfülle ließ dieses Set, wie von den Flaming Lips gewohnt, als Gesamtkunstwerk erscheinen. Ein Konzept, von dem die Foals nicht weiter entfernt sein könnten. Ihre kühle Rockshow marschierte maschinengleich und mit präzisen Pickings voran und lieferte englische Wertarbeit. Nur ganz nebenbei stellte die Band fest: 25 Jahre Haldern – das Festival gibt es bereits länger als sie überhaupt auf der Welt sind. Ein Faktum, was auf Fettes Brot nicht zutrifft, die als geheime Geburtstagsüberraschung im Zelt mit Trompetersektion den ersten Abend mit Amüsement beschlossen.

“Thank You Mother Earth For Keeping The Rain Away”, Lykke Jack Penate

Jack Penates’ Beschwörungsformeln an den Wettergott offenbarten sich als Vollflop am Freitagnachmittag. Kaum ausgesprochen, zeigte Petrus, was wahre Macht ist. Zuvor kokettierte der Ober-Kilian noch, dass es sich hart lebt mit seiner Süßigkeiten-Allergie. Ganz ohne zusätzliches Gramm Fett zeigten die Jungs einen gut besuchten und gefeierten Auftritt, dessen Innovationsfaktor allerdings kaum mit dem Unterhaltungsfaktor mithalten konnte. Bereits vor zwei Jahren gelang den Guillemots aus England genau das. Verspult und ideenreich, mit Schreibmaschine und Tarnnetz ausgestattet überzeugten sie mit ihrer Version von Indierock, dessen Vorliebe zu den melodieseligen 80ern unüberhörbar war. Aber außer Porno, Plüsch und Sonnenbrille ist davon kaum geblieben. Die Guillemots 2008 sind eine Rockband, die deutlich an Charme verloren hat. Danach konnten endlich die Frauen zeigen, was sie drauf haben.

„I Have A Question for you: Who Likes to dance? This is a Song for the people who don’t like to dance…”, Lykke Li

Lykke Li, die schwedische Neukommerin war lauter als gedacht im Zelt und Kate Nash zerkaute mit ihrem Akzent Vokale und Konsonanten wie sie es nur kann. Mit „Gabriella“ als Opener und „Mouthwash“ samt „Foundations“ als Doppelpack in der Mitte stimmte die Reihenfolge am Brokat-Piano samt Schleifchen, dessen Niedlichkeitsappell als tragendes Konzept sich wohl erst in Zukunft beweisen muss. Die Editors haben ihr zweites Album bereits 2007 unter dem grellen Neonlicht der Schallplattenläden geparkt und zumindest der Gitarrist konnte oder wollte die Ansagen des dicklichen Holländers in geschmacksverirrten Hawaiihemden nicht mehr hören, sondern besser gleich loslegen. Die dunkel getünchte Stimme Tom Smiths, die wavigen Gitarren, die ausformulierten Songs passten sich in blauen Schein gehüllt perfekt der umgebenden nächtlichen Kühle an. Inklusive des The Cure-Covers „Lullaby“ spielten die Jungs ein schnörkellos überzeugendes Set, was bis zum Ende auf den ersten minimalen Kritikpunkt warten ließ, der natürlich auch dann nicht kam.

„Die CD ist das Beste seit Guano Apes“, Jumbo Jet

Samstagmorgen schien die Sonne, das Hup-Konzert auf dem Zeltplatz in der Nacht war somit schnell vergessen. Das Frühstück schmeckte hörbar auch den deutschen Jumbo Jet, die mit dem „Besten seit Guano Apes“ (zwinkernde Eigenaussage) kräftig zulangten, bevor Mitzkov die eher humorlose Variante Rockmusik feilboten. Die Dodos sangen und trommelten daraufhin in gnadenlos ehrlicher Unperfektheit die Dämonen der Vergangenheit nieder und zeigten, wie rau und skellettiert amerikanischer Indie sein darf. Ganz anders verlegten The Heavy ihren Stoner-Funk in die Entertainment-Ecke und sorgten beim wie immer herzlichen Publikum fast durchweg für gute Laune und schwingende Waden, auch wenn sie gerne mehr Zeit gehabt hätten: „We’re stick into a time-limit“, bedauerten die Engländer. Aber all das war nur der Auftakt eines wahrlich erstklassig besetzten Tages.

Okkervil River, mit förmlichem Gestus, Stil und eben den richtig durchdachten Songs, sorgten für ein frühes Highlight. Besonders „It’s Not A Movie“ überzeugte mit Rasanz, Einsatz und Spielfreude, wie fast durchgehend das eher positiv getrimmte Set, was sich chamäleongleich der gleißenden Sonne anpasste. Die melancholischen Schwermüter hat die Band für ihre Clubtour aufgehoben, was eine kluge Entscheidung war. Keine gute Entscheidung traf jedoch Jamie Lidell, der mit einem fünfundzwanzig-minütigem Freakout bei „Out Of My System“ mit verzerrten Vocals, mörderischem Bass und Knöpfchendreherei wie ein Fremdkörper auf dem doch sonst eher beschaulichen und vor allem betulichen Festivalplatz stand. Ohne Frage ist dieser Engländer eine Kreativzelle (sogar im heißen Einteiler), der mit Daft Punk-Witzchen und seiner versierten Backingband „Street Material“ sich durchaus Siegerposen in Unterhose verdient hat – allerdings wären die funkigen und souligen und eher konventionellen Songs für dieses Auditorium stimmiger platziert gewesen.

„One More Time“, Jamie Lidell

Ohne Sehnsucht, Kraft und Mut agierten daraufhin Iron & Wine, die zwar mit Rhodes, Geige und Conga gleich zu siebt in die Instrumente griffen, deren Feingeistpop spannungsarm daherkam. Das Intuitive, das Lebendige schien man bei diesem Konzert zu vermissen. Auch The National hatten im Anschluss leichte Probleme, das Innengekehrte und das Intime ihrer Songs der Großbühne anzupassen ohne Substanzverlust zu erleiden. Dass die bleierne Schwere des Lebens auf Matt Berningers Schultern zu lasten scheint, ist zugleich ein Glückfall für die Musik. Zu acht, mit eigener St. Martins-Bläsersektion inszenierten sie vorwiegend die Songs der letzten beiden Alben. Bei „Abel“ wurde in zwangsjackenähnlichen Posen gelitten, beim zentralen „Mr. November“ mit einem Ausflug die Publikumsnähe beschworen. Die gesamte Bandbreite von Gefühlen verdichtete sich in einem Auftritt, der wohl nur in Clubatmosphäre noch dringlicher wirkt.

„Das war ein neuer Song. Es geht um ein Gewitter“, Maximo Park

Das Kontrastprogramm zum Abschluss lautete: „Maximo Park“. Überbordend, schnell und gewitzt. Trotz technischer Tücken blieb die Band unbeirrt und spulte souverän ihr Programm herunter. Smalltalk mit dem Publikum, zwei neue Songs, der Rest quasi lockeres Auslaufen mit Mitsinggarantie. Der Sound war stimmig, über die Gesamtdistanz betrachtet für Festivalverhältnisse ein Ohrenschmaus. Überhaupt wirkte für manche Besucher nur die Einlassordnung zum viel zu kleinen Spiegelzelt wie ein elitärer Gestus und gab Grund zum Unmut. Dem Rest merkte man die Routine von 25 Jahren Erfahrung an. Schön, dass nach so langer Zeit nicht die alltägliche Lieblosigkeit in der Programmgestaltung vorherrscht und dass Hektik und Unübersichtlichkeit immer noch außen vor bleiben. Denn Haldern Pop, das heißt ankommen. Der Ort heißt Selbstzufriedenheit und an ihm findet das ganz Große im Kleinen statt. (Markus Wiludda, eldoradio*)

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