Konzertschau

Haldern Pop 2006 (Festival)
2. August 2006

Es ist der enthusiastischste Ausspruch des Wochenendes: "Ich habe mich abgefunden, in diesem Leben kein Rockstar mehr zu werden - aber heute fühlt es sich so an!". Kevin Whelan von den Wrens hüpfte wie wild zu den ungewohnt ruppigen Klängen seiner Band über die Bühne und trat den Beweis an, dass sie sich gesetzteres Alter und energiegeladene Show nicht ausschließen. Die Sympathiekärtchen schnellten in die Höhe. Erst recht, als seine äußerst unterhaltende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit unzähligen, eiligst rekrutierten Trommlern aus dem Publikum einen Höhepunkt des diesjährigen Festivals am Niederrhein feilbot.

Haldern, das Festival, was seine Bodenständigkeit jedes Jahr aufs Neue im Motto zu verankern weiß, trumpfte 2006 mit noch weniger großen Namen auf als sonst und bescherte dennoch Entdeckungen am laufenden Band. Gleich zum Auftakt im immer noch nicht ausreichend großen Spiegelzelt wusste Martha Wainwright mit ihrer gellend durchdringenden Stimme und ihrem feinen Gespür für eingängige Folkmelodien die musikalische Messlatte fast auf Anschlag zu legen. Dass die belgischen Pianokitsch-Popper von Novastar nicht im geringsten Anschluss halten konnten war zu verschmerzen, zumal die Festivalbesucher von den knurrigen Typen von Lambchop am Donnerstag mit wohlig-krächzenden Stimmen und behutsamen Songs in die Zelte geschickt wurden.
Freitag verbuchte das Vereinige Königreich fast den ganzen Tag als seinen eigenen Showcase. Die Newcomer von Mumm-Ra standen noch auf etwas wackeligen Beinen, aber Morning Runner und die Veils sorgten trotz geliehenem Equipment für erste Akzente, bevor es nass wurde. So richtig nass. Klitschnass. Petrus´ Antipathien gegen We Are Scientists und The Cooper Temple Clause waren vorher nicht bekannt, was ihn allerdings nicht daran hinderte, aus dem Reitplatz einen veritablen Jachthafen zu machen. Alleine dem We Are Scientist-Frontmann schien die Sintflut trefflich zu gefallen - er zeigte sich solidarisch mit den wenigen Verharrenden und lieferte mit ihnen im Schlamm eine exzellente Performance.

Der Dreier von Motorpsycho überstand hingegen seine Show fast ohne Wasserschäden, verlief sich aber ein bisschen in der lauten B-Seitenlastigkeit und geizte mit Hits, was die Freunde der psychedelisch-verhedderten Gitarrenmonster natürlich mit Freude goutierten. Bevor aber die genialen Soundfantasten von Mogwai mit superber Lichtshow diesen Faden abermals aufnahmen, wurde man unschön mit den verwirrend morschen Ansagen der Haldern-Wiederholungstäter Element Of Crime und ihrer ganz eigenen Vorstellung von "Romantik!" kräftig ausgebremst.

Begeistert aufgenommen wird in Haldern ja sowieso jede Band, und sei sie noch so unbekannt. So durften die Rifles mit ihrer New Model Army-Gedenkmischung und feinsortierten Hits ("Local Boy" zum Abschluss) und die weißgetünchten Sieben von den Islands mit ihrer karibisch umhauchten Multikulti-Musik die Atmosphäre schmecken, die von der sengenden Sonne passend aufgeladen wurde. Die Guillemots setzten sich daraufhin in knarzende Sessel und brillierten mit ihrem durchtriebenen Weirdo-Pop samt Schreibmaschinen-Geklacker, von schlauen Zetteln abgelesenen deutschen Ansagen und schlagkräftiger Bläser-Verstärkung. Und das sollte nicht das einzige Highlight des Tages bleiben.

Während der hochgehandelte Paolo Nutini schwächelte und die Kooks ein bisschen Routine mit Coolness verwechselten, bereitete James Dean Bradfield sein Set zum wohligen Relaxen im Abendlicht vor, was vor allem Dank "Ocean Spray" von seiner Hauptband Manic Street Preachers in Erinnerung bleiben wird. Haldern, das ist auch immer die Geschichte von Tradition und Freundschaft und so wunderte es nicht, dass nach 2001 und 2004 abermals The Divine Comedy die Zuhörer mit ausladenden Gesten und dandyhaftem Duktus begrüßten und erhaben mit kleinem Orchester sich ein bisschen zu sehr selbst zelebrierten. Aber erst als Mark Lanegan wortlos ans Mikro schlurfte, um die spröde Rockmusik seiner Kollegen der Twilight Singers stimmlich zu kandieren, wurden viele Fanherzen zum Hochtonschlagen gebracht, um so symptomatisch das aufzuzeigen, worum es den Haldernern geht. Um das Zusammensein, um Musik, um Menschen und eine echte Alternative zu großen Events mit lockvogelartig zur Schau gestellten Headlinern. Dass es dieses Jahr neben einem erstklassigen musikalischen Durchschnitt keine große Sensation zu vermelden gab, stört dabei nicht im Geringsten. (Markus Wiludda, eldoradio*)

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