Konzertschau

Haldern Pop 2004 (Festival)
6. August 2004

Wie viele positive Reviews wurden eigentlich schon über dieses kleine Festival am Niederrhein publiziert? Schlagworte wie Langsamkeit, Authentizität, Sympathie und Herzblut überschlugen sich in aller Überschwänglichkeit, dem Glauben, dem Festival das zurückgeben zu müssen, was es für einen selbst getan hat: Kleine Entdeckungen zu feiern.

Längst schon ist aber das Haldern kein Insidertipp mehr.
Schon Donnerstag suchten die treuesten der Stammgäste unter Bäumen und auf der Kuhweide ihr schnuckeliges Plätzchen - eins mit möglichst wenigen Fladen, welche die (Ex-)Bewohner aus Frust über ihre Standortverlegung in Richtung Metzger reichlich gesät hatten...

Aber das gehört ja auch zum ureigenen Flair des Halderns. Wiesen, Bäume, Reitplatz, See. Eben doch alles ein bisschen kleiner, ein bisschen ruhiger, ein bisschen anders als alle anderen.
Daran ließ auch das vermeintlich unspektakuläre Line-Up keinen Zweifel. Keine großen Namen stehen auf dem Programm, keine der Metallicas, Helden, Hosen. Eher die, die noch kommen oder waren. Die kleinen Entdeckungen neuer Freunde und freudigen Wiedersehen mit langjährigen Gefährten. Hier auf dem Alten Reitplatz, wo indie noch indie ist und keine zerrissenen Jeans von H&M.

Freitag ging es gemächlich los. Warm-Uppen mit Amphibic und HAL und danach schon gleich die erste Überraschung. Die hierzulande noch völlig unbekannten Ghinzu aus Belgien legten mit einer extatischen Mischung aus psychedelischem Noiserock, losgelösten Indie-Melodien, einer stilechten 4-Gitarren-Performance im Stil von Interpol und waghalsigen Stunts die erste Latte – fast ganz nach oben. Von diesen virtuosen Jungs wird man noch einiges erwarten dürfen. Und schon hat sich die Eintrittskarte wieder einmal bezahlt gemacht. Schon wieder hatten die Veranstalter die Nase im Wind der die Richtung anzeigt.

Ein wenig ruhiger und mehr stripped down ging es weiter. Singer/ Songwriterpop aus Schweden stand auf dem Programm. "Jetzt kommt einer den ich auch nicht kenne, aber vielleicht ist der ja gut..." sagte der kauzig-überflüssige belgische Moderator in gebrochenem Deutsch und bereitete die Bühne.
Viele nutzten diese Verschnaufpause um noch mal ihr Zelt ein wenig vom Guggenheim-Museum-Gedächtnisaward abzubringen oder eine kalte Altbierdusche zu tanken. Dank Nicolai Dunger gibt´s aber immerhin ein neues Synonym für Langeweile.

I Am Kloot packten den Koffer mit ihren tastenden und erledigten Sehnsüchten aus und verhaderten sich ein wenig mit der Bühnentechnik und ihrem Equipment, lieferten aber sonst einen soliden Auftritt ab, der aber zu späterer Stunde sicherlich mehr an Intensität und Dichte gewonnen hätte. So verloren sich die fantastisch-komponierten Ansätze in leicht dürrklapprigen und mies gemischten Soundgewändern, konnten aber spielend die Klasse des Manchester Trios demonstrieren, die leidenschaftlich zu Werke gingen.
Unterdessen träumten viele unter Steineichen den Traum der Gerechten. Ein wenig sah es so aus, als ob der knuspernden Hitze Tribut gezollt werden musste...

Da die Affinität der Veranstalter zum Nachbarland Belgien seit 21 Jahren ungebrochen ist, durfte man als nächstes die Progressivrocker von dEUS begrüßen, die hier zum ersten Mal seit fünf Jahren einen Auftritt datieren durften. Alt seien sie geworden, kokettierte Tom Barman und einem wurde schmerzlich bewusst: damals waren nicht nur die Ambitionen der Songs besser...
Die vielen neuen Songs im Repertoire hemmten ein wenig den eifrigen Spielfluss und ließen die experimentellen Qualitäten der Band nur latent durchschimmern. Ein bisschen mehr Teufelsgeige hätte der durchgeknallten Verquertheit gut getan.

Starsailor, die nach ihrem überraschenden Auftritt als Co-Headliner 2001 vor Travis alles richtig gemacht hatten, durften ihre Fortsetzung an gleicher Stelle feiern - und überraschten dabei den ein oder anderen mit einer dynamischen Show, guter Laune und ansprechenden Sounds. James Walshs Stimme schmilzt, reibt sich auf und liegt präsent in den Wogen der Instrumente.
Ein wenig Timing-Probleme gab nur bei den Bandansagen. Nächstes Mal bitte nicht nach dem schlechtesten Stück fragen, ob es gerade gut im Publikum ist. Und auch nicht das Mikro ins Publikum halten, wenn keiner den Song auswendig kann. Dennoch durfte man diese Band als eine Wiederentdeckung bezeichnen, hatte das letztjährig-schmachtende Streichermeer-Album nicht alle Fans gleichermaßen erfreut. Dieser Auftritt war auf der ganzen Linie professionell, sympathisch und britisch erfrischend. Und das nicht nur für die Mädels. „Silence Is Easy“ darf übrigens nun im bandeigenen Kosmos den Zusatz (Punk Song) tragen. Wer hätte das gedacht?

Den Abschluss auf der Hauptbühne gab Freitag der Moldy Peach Adam Green. Ein wenig wacklig und professionell unprofessionell. Oder wie jemand im Gästebuch vermerkte: Zwischen Jim Morrison und Kasper Hauser – wie Schwanensee auf Mescalin. Hach, New York. Seine manierierten Dreiviertel-Hits der Alben durften da natürlich nicht fehlen, auch wenn Jessica Simpson gar nicht anwesend war.
Als Zugabe versagte er dann noch herrlich, aber kläglich dilettantisch, am Libertines-Debut-Cover zu „What A Waster“. „What did I do? I just fucked up the song….”
Macht nix, Adam. Held, du. Wenigstens für diesen Tag und diese Nacht. Unter den Sternen gings dann mit einem schmunzelnden Gefühl ab in die warmen Zelte oder in das extra aufgebaute Spiegelzelt. Auf was da noch so alles kommen mag...

Exquisit und deutlich spektakulärer das Billing am zweiten Tag.
Mit der isländisch-norwegischen Kreuzung um Frontman Gisli konnten noch wenig Besucher nach dem obligatorischen Altbier-Frühstück etwas anfangen. Dafür erntete Patrick Wolf trotz seinem Status als „Hä? Wer ist das denn?“ erstaunlich viele positive Resonanzen. Ob es daran lag, dass er alleine auf der Bühne stand und nur gegen die geleierten Hammer-Beats aus seinem Computer gewettert hat? Ein bisschen neurotisch, ein bisschen angestrengt und stoisch trippend sorgte der 21jährige für aufregende Indie-Elektronik mit subtilem Abgehfaktor.

Überraschend großartig dann der Auftritt der Semi-Britpophelden von Embrace, die kurzfristig für die Zutons eingesprungen waren. Herzhafter Breitwand-Pop mit viel Gefühl auf hohem melodischem Niveau. „This Was A Hard One To Write…“ wurde die Menge über die neue Single „Gravity“ aufgeklärt. Na klar, kommt ja auch vom geschätzten Kollegen Chris Martin, der diesen Track vermutlich zu schlecht für seine eigene Band fand... Trotz fehlender Hits wie „Good good People“ und „Wonder“ feierte das Publikum ausgelassen euphorisch die facettenreichen und lässig-unkomplizierten Songs unter der Sonne – nur die Riesenventilatoren und der patentierte Haldern-Cooler bewahrten vor dem Kollaps.
Die gutgelaunte und stets aufmerksame Kellner-Crew im Pressebereich sorgte untereinander mit gewagten Wasserpistolen-Schlachten für Abkühlung und den nötigen Spaß.

Derweil hatten schon die Schweden von Soundtrack Of Our Lives sich in ihren schwarzen Kaftan geschmissen – samt obligatorischem Schal. Überglücklich angesichts ihrer kurzfristig wieder aufgetauchten Werkzeuge (Gruß an die Lufthansa, die die mal eben versehentlich die Instrumente in Kopenhagen verirrt hatte), sorgten sie für erlesene, schweißnasse Sounds, die ausufernd und psychedelisch-verschnörkelt, dann extrem spröde-rockig die Massen zu begeistern wussten. Exzessiv und mit großer Missionarsgeste durfte Frontman Ebbot Lundberg zum Ende hin endlich seine Arme ausbreiten. Unvergessen großes Gottesdienst-Kino.

Keane mussten sich daraufhin mächtig anstrengen um dieser Vorstellung Paroli bieten zu können. Die Engländer zeigten aber eindrucksvoll, dass sie zu Recht die britischen Newcomer neben Franz Ferdinand sind. Überraschend abwechslungsreich und bis zum hochrotgeschwollenen Kopf holten sie alles aus ihren sensiblen Balladen raus was ging. Eine Energieleistung, die auf dem Festival ihres gleichen gesucht hat. Und wenn sich Keane nächstes Jahr sogar auf den Bassisten aus dem PC verzichten, wird’s noch schöner...

Die Kings Of Leon aus Mississippi ließen daraufhin mit ihrem erdigen Rock´n´Soul den gewissen Druck, die Präsenz und die Spielfreunde vermissen, die das letztjährige Debut noch ausgezeichnet hat. Die wenigen wirklich kraftvollen Southern Rock Hymnen wie „Holy Roller Novocaine“ und „Molly´s Chamber“ verloren sich zwischen weniger dynamischen, fast balladesken Songs. Angeslackt und mit automatisierten Ansagen schlurften sich die Frisuren durch ihr Set. Ein bisschen mehr sozialunverträgliches Gewüte hätte jedenfalls nicht geschadet. Coole Abgeklärtheit und dandyhafte Artyness kann nämlich auch ganz schnell missverstanden werden – da überkam den meisten Besuchern schnell der Blues. Und dem wurde –passend zum stilechten und urtümlichen Ambiente- mit dem nächsten Alt aus dem Luftkissen entgegengewirkt.

Schließlich stand Old-Mod Paul Weller schon auf der Bühne und zelebrierte gut anderthalb Stunden die Geschichte der britischen Popmusik und auch ein bisschen sich selber. Mit glücklich-verklärten Augen in der Menge, aber auch vielen angegähnten Gesichtern auf dem Campingplatz, gab es dann endlich auch bei der Zugabe den zweiten Jam-Hit „Town Called Malice“. Die Immunität bleibe ihm aber auch nach diesem engagierten Gig gewährt.

Mit offenen Mündern und andächtigem Staunen ging es dann auf den krönenden Abschluss des Festivals zu. Vor einer majestätisch angestrahlten und mit dutzenden von Lichterketten verzierten Revue-Bühne baute sich in endloser Kleinarbeit und unter den Flüchen des Soundmanagers ein komplettes 20köpfiges Orchester auf, das Neil Hannon und Band den nötigen Rückhalt geben sollte. Schließlich geht es bei Divine Comedy um die ganz großen Gesten und Gefühle. Romantisch und überaus pompös wurden die Oden vom neuen Album „Absent Friends“ auf gigantische Weise umgesetzt. Klassische Instrumentalisierung, die lyrische Dramatik und die präzise und gehaltvolle Stimme des Frontmanns überzeugten binnen Sekunden auch diejenigen, die mit kunstvollen Kompositionen mit überdeutlichem Hang zum Kitsch bis dato nichts anfangen konnten. Hier waren sich alle einig: Ein Magic Moment der Geschichte des Halderns, ein einmaliges Sinn-Erlebnis, ein triumphales Gesamtkunstwerk. Die ausgeklügelten Arrangements und prosperierenden Melodiebögen haben dabei das Talent stets intensiv, aber doch besonnen und einfühlsam zu sein und warten mit enorm unprätentiösen Tiefenstrukturen auf.
Und als die großartigste Coverversion des Wochenendes, „No One Knows“ von den Queens Of The Stoneage, angestimmt wurde, schnellte auch der letzte Arm vor in den sternenklaren halderner Himmel.

Unter dem jedes Jahr wieder die kleinen, aber eben manchmal auch die großen Entdeckungen gefeiert werden. Die Zukunft ist klein!

(Markus Wiludda, eldoradio*)

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