Konzertschau

Flaming Lips - Köln, Live Music Hall
5. Juni 2006

Die Frage erscheint auf den ersten Blick simple: Warum geht man auf Rock-Konzerte? Fünf von fünf einer spontan erhobenen Blitzumfrage sagten: wegen dem Livegefühl, der Musik, dem Entertainment. Natürlich ist diese Nacherzählung nur frei erfunden, aber Platz für viel mehr Antworten lässt die Frage einfach nicht offen. Und die Frage: Warum geht man auf Flaming Lips-Konzerte lässt sogar nur eine Losung zu: Um gepflegt mal wieder Kindergeburtstag zu feiern!!! Wer jetzt verdutzt reinschaut und den Verrat an allem ernstmienigem Rockgetue wittert, der darf sich bei der nächsten Tour überzeugen lassen. Denn die Flaming Lips sind live ein Spektakel, das auf diesem Planeten und darüber hinaus konkurrenzlos ist.

Furios schon der Auftakt: Zu "Race For The Prize" kam die Band auf die Bühne, gepflegt im Anzug oder Skelett-Kostüm. Die Beamer-Kunst im Hintergrund wünschte einen guten Abend, als zehn Aliens in lila Aluverkleidung und zehn Weihnachtsmänner bewaffnet mit Taschenlampen rechts und links auf die Bühne marschierten. Und bei den ersten Takten versetze die Konfetti-Kanone mit quer durch die komplette Live Music Hall geschossenen, flirrend-buntem Stückwerk alle Anwesenden zurück in die Kindheit. Überall Glitzer-Glamour in der Luft und fünfzig, metergroße Luftballons, die quer durch die Halle geprischt wurden. Was ein euphorisierender Anfang! Was für ein Spaß!

"Free Radicals", "Yoshimi" und der großartig vom Publikum begrüßte "Yeah Yeah Yeah-Song" ließen Platz zum Mitmachen und Staunen: Ob mir Megaphon, Kasperlnonne, Luftschlangenkanone oder Bubblemizer gewitzt wurde, mit Kleinstkamera am Mikrophon Projektionen entworfen wurden oder ein nachgestellter Lichtkrieg zwischen den Alienfrauen (Scientologen, hihi) und Weihnachtsmännern (Christen) für Furore sorgte - das oft inflationär gebrauchte Wort "Gesamtkunstwerk" passt hier wie aufs Auge gedrückt. Und auch die Band gefällt sich in der närrischen Rolle als Reizüberfluter: lachend schmeißt ein gutaufgelegter, wenn auch stimmlich etwas angekrächzter Wayne Coyne Konfetti kiloweise in die Menge und verdiente sich Sympathiepunkte schon beim Begutachten der Vorband Midlake, die auch mit fantastischen Songs und Videoleinwand aufwarten konnte, und beim eigenhändigen Aufbau des Equipments.

Ein Musiker zum Anfassen. Ob er mit seiner fiktiven Tochter beim Bastelnachmittag in der Vorschule all die ganzen Ideen ausheckt? Mit "She Don´t Use Jelly", "Do You Realize" und drei Zugaben endet an diesem Dienstag das lustigste, einfallsreichste, unterhaltendste und bunteste Konzert seit....äh..der letzten Flaming Lips-Show. Ein Hoch auf das Leben, das bei aller glücklichstmachenden Ausgelassenheit nie ganz den Ernst des Lebens verdrängen wollte, aber selbstredend nur versöhnlich endete. What A Wonderful World. (eldoradio*)

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